Das Problem mit dem "du müsstest doch wissen, dass ..."

Veruschka Vollendorf

Warum Telepathie nicht funktioniert

In vielen Beziehungen gibt es oft stille Annahmen, die selten oder gar nicht ausgesprochen werden. Und dahinter steht der Gedanke von: 
"Wenn du mich liebst, müsstest du doch wissen, was ich brauche."

"Du müsstest merken, dass ich erschöpft bin."
"Du müsstest sehen, dass ich gerade Unterstützung brauche."
"Du müsstest doch von selbst darauf kommen."

Das Problem ist nur: Telepathie gehört nicht zu den Grundfähigkeiten von Menschen. Und trotzdem passiert genau das in Beziehungen immer wieder.

Ein kleines Beispiel aus dem Alltag.
Er sitzt morgens am Küchentisch und schmiert sich ein Marmeladenbrot. Sie sitzt ihm gegenüber. Die Nacht war kurz, das kleine Kind war mehrfach wach, sie ist müde und innerlich schon völlig im Stress.
Während er sein Brot isst, denkt sie: "Wenn er mich wirklich sehen würde, würde er mich jetzt fragen, ob ich auch eins möchte."
Er sagt nichts und isst einfach sein Brot.
In ihr beginnt sich langsam etwas aufzubauen. Erst Enttäuschung. Dann Ärger. Dann dieses Gefühl: Ihm ist es offensichtlich egal, wie es mir geht. Nach zehn Minuten platzt es aus ihr heraus: „Du denkst auch immer nur an dich!“
Und er sitzt da und versteht die Welt nicht.

Nicht, weil er herzlos ist, sondern weil er gar nicht wusste, dass gerade ein unsichtbarer Test lief.

Das Schwierige an solchen Situationen ist: Die Enttäuschung fühlt sich absolut real an. Denn hinter der Erwartung steckt ein echtes Bedürfnis. Nach Unterstützung, nach gesehen werden, nach Fürsorge.

Nur wurde dieses Bedürfnis nie ausgesprochen. Stattdessen entsteht eine Dynamik aus Enttäuschung, Vorwurf oder Rückzug. Und auf der anderen Seite Verwirrung.

Denn niemand kann auf etwas reagieren, das nie gesagt wurde!

Liebe bedeutet nicht, Gedanken lesen zu können

Liebe bedeutet, miteinander in Kontakt zu bleiben. Und dazu gehört auch, auszusprechen, was gerade gebraucht wird. Denn so sehr wir uns Nähe und Unterstützung wünschen - die Verantwortung für unsere Bedürfnisse können wir nicht abgeben.
Der andere kann sie nicht erraten. Und er kann sie auch nicht tragen, wenn wir sie selbst nicht zeigen.

Und gleichzeitig heißt das nicht, alles allein schaffen zu müssen. Unterstützung darf da sein, Nähe auch. Aber sie beginnt dort, wo wir uns mitteilen.

Manchmal klingt das dann einfach so:
„Kannst du mir auch ein Brot machen? Ich bin gerade ziemlich platt.“

Das wirkt vielleicht unspektakulär. Aber genau dort beginnt echte Verbindung.
Nicht im stillen Hoffen, dass der andere es schon merken wird, sondern in der Bereitschaft, sich ehrlich zu zeigen.