Mehr als entweder oder, über das Nebeneinander von Gefühlen

Veruschka Vollendorf

Es gibt einen Satz, den ich in Gesprächen sehr oft höre: „Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist. Eigentlich ist alles gut und trotzdem geht es mir nicht gut.“
Und dann entsteht oft Verunsicherung. Als müsste es eine klare, eindeutige Gefühlslage geben. Entweder gut oder schlecht. Entweder zufrieden oder unzufrieden. Entweder stark oder erschöpft.

Aber so funktioniert unser inneres Erleben nicht

In uns können gleichzeitig ganz unterschiedliche Gefühle aktiv sein.
  • Du kannst jemanden lieben und gleichzeitig enttäuscht sein.
  • Du kannst traurig sein und trotzdem Dankbarkeit spüren.
  • Du kannst Angst haben und dennoch mutig handeln.
  • Du kannst erschöpft sein und gleichzeitig eine leise Kraft in dir wahrnehmen.
Das ist kein Widerspruch. Das ist menschlich.

Unser Gehirn ist kein Entweder-Oder-System, sondern ein Sowohl-Als-Auch-System. Unterschiedliche neuronale Netzwerke sind gleichzeitig aktiv. Während ein Teil von dir Verlust verarbeitet, kann ein anderer Teil Sicherheit wahrnehmen. Während ein Bereich Alarm schlägt, aktiviert ein anderer bereits Regulation und Stabilität.

Das Problem entsteht nicht durch die Gleichzeitigkeit der Gefühle, das Problem entsteht durch den inneren Kampf dagegen.

Viele Menschen haben gelernt, dass bestimmte Gefühle nicht sein dürfen. Traurigkeit soll weggehen, Angst soll überwunden werden, Zweifel sollen verschwinden. Also beginnt ein inneres Arbeiten, ein Optimieren, ein Wegdrücken, ein ständiges „Ich muss da raus“. Und erst dann geht es mir gut.

Neuropsychologisch bedeutet das, dass dein Stresssystem aktiv bleibt. Dein Gehirn registriert permanent, dass etwas „nicht stimmt“ und versucht, es zu lösen. Du bleibst im Modus von Tun und Korrigieren und dein Fokus richtet sich ausschließlich auf eine Zukunft, in der es endlich besser ist.
Und genau dadurch verlierst du den Kontakt zum jetzigen Moment.

Gleichzeitigkeit wirkt hier wie eine Entlastung

Wenn du dir erlaubst, dass mehrere Gefühle gleichzeitig da sein dürfen, verändert sich etwas Grundlegendes. Du hörst auf, gegen einen Teil deines Erlebens zu kämpfen. Dein Nervensystem bekommt ein Signal von Sicherheit. Nicht, weil alles angenehm ist, sondern weil nichts mehr ausgeschlossen werden muss.

Stell dir vor, in dir gibt es einen Raum, in dem verschiedene Gefühle sitzen. Die Traurigkeit sitzt vielleicht etwas schwer auf einem Stuhl. Die Dankbarkeit ist eher leise im Hintergrund. Die Angst läuft etwas unruhig hin und her. Und irgendwo ist auch ein Teil von dir, der stabil ist und beobachtet.

In diesem Raum musst du niemanden hinauswerfen.

Du kannst wahrnehmen, wer gerade da ist, ohne sofort etwas verändern zu müssen. Und oft passiert genau dann etwas Interessantes. Die Gefühle werden beweglicher, sie kommen und gehen und verlieren ihre Schwere, weil sie nicht mehr gegen den Widerstand ankämpfen müssen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Blick auf das Positive

Unser Gehirn ist darauf ausgerichtet, Gefahren schneller wahrzunehmen als Sicherheit. Das nennt man Negativitätsbias. Das bedeutet nicht, dass das Negative stärker ist, sondern dass es schneller in den Fokus rückt.  Wenn du also nur gegen unangenehme Gefühle kämpfst, verstärkst du unbewusst genau das, worauf dein System ohnehin sensibel reagiert.

Gleichzeitigkeit bedeutet auch, bewusst Raum für das Positive zu öffnen, ohne das Negative wegzudrücken.

Du könntest dich zum Beispiel fragen:
  • "Was ist gerade schwierig, und was ist gleichzeitig auch da?"
  • "Was tut weh, und was trägt mich trotzdem ein Stück?"
  • "Wo spüre ich Enge, und wo vielleicht auch einen kleinen Moment von Weite?"
Diese Fragen verändern nicht sofort die Situation, aber sie verändern deine innere Haltung. Und daraus entsteht oft etwas, das viele als inneren Frieden beschreiben.
Nicht, weil alles leicht ist.
Nicht, weil alles gelöst ist.
Sondern weil du aufhörst, permanent irgendwo anders ankommen zu müssen.

Ein paar konkrete Impulse für deinen Alltag können sein:

  • Nimm dir bewusst Momente, in denen du zwei Gefühle gleichzeitig benennst. Zum Beispiel „Ich bin müde und ich bin zufrieden“. Das trainiert dein Gehirn, Komplexität auszuhalten.
  • Wenn du merkst, dass du gegen ein Gefühl kämpfst, halte kurz inne und frage dich „Was wäre, wenn es gerade auch da sein darf“. Allein diese Frage kann dein Nervensystem regulieren.
  • Arbeite mit deinem Körper. Lege eine Hand auf deinen Brustraum und eine auf deinen Bauch. Spüre, was da ist, ohne es zu bewerten. Körperwahrnehmung hilft dir, aus dem reinen Denken auszusteigen.
Und vielleicht das wichtigste:
Du musst dich nicht „besser fühlen“, um in Ordnung zu sein.
Du bist auch dann in Ordnung, wenn sich Dinge widersprüchlich anfühlen.

Das Leben ist nicht perfekt und wird es auch nie sein. Aber wenn alles in dir sein darf, entsteht etwas, das sich oft viel stabiler anfühlt als Perfektion.
Ein ruhiges, getragenes „So ist es gerade“. Und genau darin liegt oft mehr Kraft, als in jedem Versuch, ständig etwas verändern zu müssen, um endlich anzukommen oder glücklich zu sein.