Unter der Oberfläche


In meinem Blog geht es um die psychologischen Zusammenhänge hinter dem, was wir im Alltag erleben.

Ich schreibe über Beziehungen, Bindung, Selbstwert, Überforderung und die Muster, die unser Denken, Fühlen und Handeln prägen.

Mein Anliegen ist es, psychologische Zusammenhänge verständlich zu machen, damit wir uns selbst und andere besser verstehen, neue Perspektiven entwickeln und bessere Entscheidungen treffen können.

von Veruschka Vollendorf 25. August 2026
Wir leben in einer Zeit, in der vieles größer geworden ist als wir selbst. Krisen, politische Entwicklungen, Kriege, wirtschaftliche Unsicherheiten und die Klimakrise erreichen uns täglich. Über Nachrichten, soziale Medien und Gespräche sind wir mit Entwicklungen konfrontiert, die unser Leben beeinflussen, auf die wir selbst aber nur sehr begrenzt Einfluss nehmen können. Vielleicht kennst du dieses Gefühl. Du möchtest etwas verändern, möchtest verantwortlich handeln, möchtest etwas beitragen und stellst gleichzeitig fest, dass dein eigener Einfluss erstaunlich klein ist. Nehmen wir die Klimakrise. Du kannst bewusster konsumieren, weniger fliegen, nachhaltiger leben und dir überlegen, welche Entscheidungen du im Alltag treffen kannst. Das alles ist sinnvoll und trotzdem weißt du, dass dein persönlicher Beitrag im Verhältnis zur Größe des Problems nur einen kleinen Unterschied macht. Das kann auf Dauer ein Gefühl von Ohnmacht entstehen lassen und genau deshalb ist es so wichtig, sich mit einer anderen Frage zu beschäftigen: Wo kann ich tatsächlich etwas entscheiden und gestalten? Denn wir Menschen brauchen nicht nur Sicherheit und Orientierung. Wir brauchen auch die Erfahrung, dass unser Handeln etwas bewirken kann. Wir wollen nicht nur handeln, wir wollen uns als wirksam erleben In der Psychologie sprechen wir von Selbstwirksamkeit. Damit ist vereinfacht gesagt das Vertrauen gemeint, mit dem eigenen Handeln etwas bewirken und Herausforderungen beeinflussen zu können. Dabei geht es nicht darum, alles kontrollieren zu können, im Gegenteil, Selbstwirksamkeit entsteht gerade dann, wenn wir unterscheiden lernen, was wir beeinflussen können und was nicht. Unser Gehirn verarbeitet die Erfahrung, dass wir etwas entscheiden und dadurch eine Wirkung erzielen, als etwas sehr anderes als die Erfahrung, dass wir lediglich auf äußere Vorgaben reagieren. Wenn ich also immer wieder erlebe, dass ich entscheiden kann, dass ich etwas ausprobieren darf, dass mein Verhalten eine Wirkung hat, entsteht nach und nach ein Gefühl von Kompetenz und Handlungssicherheit. Wenn ich dagegen immer wieder erlebe, dass andere entscheiden, Regeln vorgeben und ich lediglich ausführe, kann sich etwas verändern: Ich werde passiver, ich gewöhne mich daran, nicht mehr selbst zu entscheiden und irgendwann frage ich vielleicht gar nicht mehr, was ich eigentlich möchte oder was möglich wäre. Ich frage nur noch: Was muss ich tun? Sicherheit ist wichtig, aber sie kann uns auch einengen Das macht die Sache so interessant, denn Regeln und Strukturen sind grundsätzlich etwas Gutes. Sie geben Orientierung, sie schaffen Verlässlichkeit und sie reduzieren Komplexität. Wir müssen nicht jeden Tag neu darüber entscheiden, auf welcher Straßenseite wir fahren oder welche Abläufe in einem bestimmten Zusammenhang gelten. Unser Gehirn liebt das, weil es dadurch Energie sparen kann. Wenn etwas klar geregelt ist, muss es nicht jedes Mal neu abwägen. Problematisch wird es dort, wo eine Regel nicht mehr Orientierung gibt, sondern eigenes Denken ersetzt. Wo wir nicht mehr fragen: Was ist in dieser konkreten Situation sinnvoll? Sondern nur noch: Was ist vorgeschrieben? Das ist ein großer Unterschied. Denn in dem Moment, in dem wir nur noch Vorgaben ausführen, geben wir auch einen Teil unserer eigenen Urteilskraft und Handlungsfähigkeit ab. Manchmal braucht eine Situation fünf Minuten mehr Vielleicht kennst du das aus deinem Alltag. Du hast mit jemandem einen Termin für sechzig Minuten vereinbart. Kurz vor dem Ende merkst du, dass ihr eigentlich noch fünf Minuten braucht, damit etwas wirklich abgeschlossen werden kann. Natürlich gibt es eine Regel, sechzig Minuten sind sechzig Minuten. Aber es gibt möglicherweise auch einen Handlungsspielraum. Du könntest sagen: „Unsere Zeit ist um.“ Oder du könntest bewusst entscheiden: „Wir nehmen uns noch diese fünf Minuten, damit wir zu einem guten Abschluss kommen.“ Beides ist möglich. Der entscheidende Punkt ist nicht einmal, welche Entscheidung du triffst. Der entscheidende Punkt ist, dass du überhaupt wahrnimmst, dass du entscheiden kannst. Denn du bist nicht nur diejenige, die eine Zeitvorgabe ausführt. Du kannst die Situation betrachten, abwägen und entscheiden, was in diesem Moment sinnvoll ist. Das ist ein kleiner Moment von Selbstbestimmung. Und vielleicht denkst du jetzt, dass fünf Minuten ja wirklich nicht viel sind und dass das nur eine Kleinigkeit ist. Das stimmt. Aber Selbstwirksamkeit entsteht nicht erst bei den großen Entscheidungen unseres Lebens, sie entsteht auch in diesen kleinen Alltagserfahrungen. Ich kann entscheiden. Ich kann abwägen. Ich kann gestalten. Mein Handeln hat eine Wirkung. Wenn aus Regeln starre Grenzen werden Im Alltag erleben wir manchmal das Gegenteil. Eine Regel ist wichtiger als die konkrete Situation, ein Anliegen wird abgewiesen, weil es nicht in den vorgesehenen Ablauf passt. Ein Mitarbeiter darf keine Entscheidung treffen, obwohl sie eigentlich sinnvoll wäre. Eine Kundin bekommt keine Lösung, obwohl offensichtlich wäre, dass ein kleiner Spielraum das Problem lösen könnte. Und am Ende sind häufig alle Beteiligten frustriert: Die Person, die Hilfe gebraucht hätte und genauso die Person, die eigentlich gerne geholfen hätte, aber nicht durfte. Regeln sollten uns Sicherheit geben. Wenn sie aber keinen Spielraum mehr zulassen, können sie genau das Gegenteil bewirken. Dann wird aus Schutz Stillstand, aus Orientierung wird Starrheit und aus Verlässlichkeit kann das Gefühl entstehen, ausgeliefert und handlungsunfähig zu sein. Das bedeutet nicht, dass wir Regeln abschaffen sollten, es bedeutet vielmehr, dass wir wieder lernen dürfen, zwischen Regel und Urteil zu unterscheiden. Eine Regel kann Orientierung geben, die Entscheidung, wie sie in einer konkreten Situation sinnvoll angewendet wird, braucht manchmal menschliches Ermessen. Menschlichkeit braucht Spielraum Vielleicht ist das auch ein Grund, warum wir Begriffe wie Kulanz oder Hands on Mentalität so positiv erleben. Sie beschreiben letztlich etwas sehr Menschliches. Da sieht jemand nicht nur die Vorschrift, sondern auch den Menschen. Da wird nicht ausschließlich gefragt, was formal möglich ist, sondern auch, was in dieser konkreten Situation sinnvoll wäre. Dafür braucht es Urteilskraft, Vertrauen und Fingerspitzengefühl. Denn wenn Menschen Handlungsspielräume haben, müssen sie diese auch verantwortungsvoll nutzen können. Das gilt im beruflichen Umfeld genauso wie in unserem privaten Leben. Vielleicht ist es deshalb gar nicht immer die beste Lösung, noch mehr Regeln aufzustellen, vielleicht brauchen wir manchmal mehr Spielräume, um selbst zu denken, abzuwägen und Entscheidungen treffen zu können. Vielleicht magst du dich an dieser Stelle mal fragen, wo du in deinem eigenen Leben eigentlich noch Handlungsspielräume hast. Denn wenn wir uns ohnmächtig oder abhängig fühlen, schauen wir häufig zuerst auf das, was wir nicht verändern können. Wir können die politische Situation nicht kontrollieren. Wir können nicht verhindern, dass andere Menschen Entscheidungen treffen. Wir können nicht dafür sorgen, dass sich bestimmte Menschen verändern. Wir können nicht die großen Krisen dieser Welt alleine lösen. Das alles stimmt. Aber daraus folgt nicht, dass wir gar keinen Einfluss haben. Also was liegt tatsächlich in deiner Hand? Vielleicht ist es nicht die große Veränderung, vielleicht ist es eine kleine Entscheidung. Ein Gespräch, das du bisher vermieden hast. Eine Grenze, die du setzt. Eine Aufgabe, die du anders angehst. Eine Bitte, die du aussprichst. Ein „Nein“, obwohl du bisher immer zugestimmt hast. Oder auch ein „Ja“, weil du merkst, dass du etwas wirklich möchtest. Vielleicht entscheidest du dich, eine Regel nicht einfach unhinterfragt zu übernehmen, sondern du fragst dich: Was würde ich entscheiden, wenn ich davon ausgehe, dass ich einen Handlungsspielraum habe? Selbstwirksamkeit bedeutet nicht, alles kontrollieren zu können Ein wichtiger Gedanke dabei ist mir besonders wichtig. Selbstwirksamkeit bedeutet nicht Kontrolle. Du musst nicht dafür sorgen, dass alles so läuft, wie du es möchtest, du musst auch nicht aus jeder Situation das Beste machen und du bist nicht verantwortlich für Dinge, die tatsächlich außerhalb deines Einflussbereichs liegen. Das wäre keine Selbstwirksamkeit, sondern eine neue Form von Überforderung. Selbstwirksamkeit bedeutet vielmehr, die eigenen Einflussmöglichkeiten realistisch wahrzunehmen. Nicht mehr, als tatsächlich da ist, aber eben auch nicht weniger. Vielleicht hilft dir dafür eine einfache Unterscheidung: Was kann ich nicht beeinflussen? Was kann ich beeinflussen? Und wo gibt es vielleicht einen kleinen Spielraum, den ich bisher übersehen habe? Gerade die dritte Frage kann interessant sein, denn manchmal denken wir in einem Entweder-Oder: Entweder ich kann die Situation verändern oder ich bin ihr ausgeliefert. Dazwischen liegt aber oft ein erstaunlich großer Bereich. Vielleicht kann ich nicht verändern, was passiert, aber ich kann entscheiden, wie ich damit umgehe. Vielleicht kann ich nicht beeinflussen, was jemand anderes denkt, aber ich kann entscheiden, wie viel Raum ich diesen Gedanken in meinem Leben gebe. Vielleicht kann ich die äußeren Bedingungen nicht verändern, aber ich kann entscheiden, welche Grenze ich setze, welche Priorität ich wähle oder welchen nächsten Schritt ich gehe. Deinen Handlungsspielraum wieder wahrnehmen Wenn du dich gerade häufig ohnmächtig oder ausgeliefert fühlst, musst du deshalb nicht sofort dein ganzes Leben verändern. Vielleicht beginnst du kleiner. Beobachte im Alltag einmal Situationen, in denen du automatisch denkst: „Das geht nicht.“ „Das darf ich nicht.“ „Das muss eben so sein.“ „Dafür kann ich nichts machen.“ Und frage dich dann: Ist das wirklich so? Manchmal lautet die Antwort eindeutig ja. Dann ist es entlastend, das anzuerkennen. Aber manchmal kann man bei genauerem Hinsehen einen kleinen Spielraum entdecken. Und vielleicht ist genau dieser kleine Spielraum der Ort, an dem du wieder anfangen kannst, dich als handlungsfähig zu erleben. Nicht, weil du dadurch die Welt kontrollieren kannst, sondern weil du dich selbst wieder als jemanden erlebst, der Einfluss nehmen kann. Vielleicht geht es genau darum Wir werden die großen Krisen dieser Welt nicht dadurch lösen, dass wir uns einreden, alles selbst in der Hand zu haben. Und wir werden auch nicht dadurch freier, dass wir jede Regel ablehnen. Wir brauchen Strukturen, wir brauchen Orientierung und wir brauchen Verlässlichkeit. Aber wir brauchen ebenso die Erfahrung, dass wir innerhalb dieser Strukturen gestalten können: Dass wir nicht nur Ausführende sind. Dass wir nicht überall warten müssen, bis jemand anderes entscheidet. Dass wir uns fragen dürfen: Was ist meine Entscheidung? Wo habe ich Einfluss? Wo kann ich meinen Handlungsspielraum erweitern? Und genau da liegt ein Stück Freiheit. Nicht darin, dass uns niemand mehr Grenzen setzt, sondern darin, dass wir innerhalb unserer Grenzen wieder wahrnehmen, wo wir selbst gestalten können. Und vielleicht ist das gerade in einer Welt, die uns an vielen Stellen das Gefühl geben kann, klein und machtlos zu sein, besonders wichtig. Wir können nicht alles verändern, aber wir müssen auch nicht alles hinnehmen. Manchmal beginnt Selbstwirksamkeit mit einer sehr kleinen Frage: „Was kann ich hier selbst entscheiden?“
von Veruschka Vollendorf 4. August 2026
Es gibt Situationen im Leben, in denen wir sehr lange hoffen. Wir hoffen, dass die Beziehung wieder so wird wie früher, dass der Partner/die Partnerin sich verändert, dass der Job irgendwann leichter wird, dass wir endlich die Anerkennung bekommen, auf die wir schon so lange warten oder dass sich all die Mühe, die wir investieren, irgendwann auszahlt. Und solange diese Hoffnung da ist, machen wir weiter. Wir geben uns noch mehr Mühe. Wir arbeiten noch härter an uns. Wir versuchen, verständnisvoller zu sein, geduldiger, belastbarer oder optimistischer. Irgendetwas wird schon den Unterschied machen, davon sind wir zumindest überzeugt. Vielleicht kennst du diesen Gedanken auch “Ich muss nur noch etwas anders machen, dann wird es schon.” Dieser Gedanke fühlt sich zunächst gar nicht schlecht an, er gibt uns das Gefühl, Einfluss auf die Situation zu haben. Solange wir glauben, dass wir selbst etwas verändern können, bleibt auch die Hoffnung bestehen. Doch manchmal kommt irgendwann ein Moment, in dem wir spüren, dass all unsere Anstrengung nicht mehr ausreicht. Nicht, weil wir versagt haben, sondern weil vielleicht nicht wir das Problem sind. Vielleicht passt die Beziehung nicht mehr, vielleicht ist der Arbeitsplatz dauerhaft ungesund, vielleicht entspricht der Lebensweg, den wir uns einmal vorgestellt haben, nicht mehr der Realität. Oder wir stellen fest, dass die Art und Weise, wie wir versuchen ein Problem zu lösen, uns immer weiter im Kreis führt. Diese Erkenntnis gehört oft zu den schmerzhaftesten Erfahrungen überhaupt. Denn in diesem Moment verlieren wir nicht nur Hoffnung, wir verlieren gleichzeitig eine Vorstellung davon, wie unser Leben hätte aussehen sollen. Warum wir so lange festhalten Unser Gehirn mag Vorhersagbarkeit. Es liebt Geschichten, die Sinn ergeben und in denen sich Schwierigkeiten irgendwann auszahlen. Wenn wir viel investieren, erwarten wir unbewusst auch, dass sich dieser Einsatz lohnt. In der Psychologie spricht man unter anderem vom sogenannten Sunk Cost Effekt. Je mehr Zeit, Kraft, Gefühle oder Energie wir bereits in etwas investiert haben, desto schwerer fällt es uns, loszulassen. Nicht unbedingt, weil die Situation noch gut ist, sondern weil wir hoffen, dass sich all das irgendwann doch noch gelohnt haben wird. Hinzu kommt etwas anderes. Wenn etwas nicht so läuft, wie wir es uns wünschen, versuchen wir meist nicht völlig neue Wege. Wir greifen auf das zurück, was wir kennen. Manche Menschen bemühen sich noch mehr, andere werden geduldiger, erklären sich ausführlicher, passen sich stärker an oder übernehmen noch mehr Verantwortung. Das geschieht oft ganz automatisch. Unser Gehirn greift auf Strategien zurück, die wir im Laufe unseres Lebens gelernt haben und die sich irgendwann einmal bewährt haben. Das Problem ist nur: Wir verändern zwar unser Verhalten, bewegen uns dabei aber häufig innerhalb desselben Musters. Wir versuchen das Problem auf die gleiche Weise zu lösen, mit der wir ihm vielleicht schon die ganze Zeit begegnen. Gleichzeitig fällt es uns schwer, die Situation so zu sehen, wie sie tatsächlich ist. Unsere Hoffnung richtet den Blick immer wieder auf das, was möglich sein könnte, statt auf das, was im Moment tatsächlich geschieht. Deshalb wird die eigentliche Erkenntnis oft erst so spät spürbar. Nicht, weil wir die Realität nicht sehen wollten, sondern weil unser Gehirn verständlicherweise versucht hat, sie mit den vertrauten Strategien zu verändern. Wenn nicht nur die Hoffnung zerbricht Oft sagen Menschen in dieser Situation: “Ich habe meine Hoffnung verloren.” Doch eigentlich geht viel mehr verloren. Es zerbricht ein Zukunftsbild. Vielleicht hattest du dir vorgestellt, gemeinsam alt zu werden, vielleicht warst du überzeugt, dass dieser Beruf genau der richtige für dich ist oder vielleicht hast du jahrelang auf ein bestimmtes Ziel hingearbeitet. Wenn diese Vorstellung plötzlich nicht mehr trägt, entsteht Trauer und diese Trauer wird häufig unterschätzt. Denn wir trauern nicht nur um das, was war, sondern wir trauern auch um das, was hätte sein können: Um gemeinsame Pläne. Um Wünsche. Um Möglichkeiten. Um eine Zukunft, die in unserer Vorstellung bereits ein Stück Realität geworden war. Deshalb fühlt sich dieser Moment oft so überwältigend an. Der schwierige Schritt, die Realität anzunehmen Wenn Hoffnung zerbricht, entsteht oft sofort der Wunsch, möglichst schnell eine Lösung zu finden. Soll ich kündigen? Soll ich mich trennen? Soll ich kämpfen oder loslassen? Doch häufig ist das noch gar nicht der richtige Zeitpunkt für große Entscheidungen. Zunächst braucht unser Nervensystem etwas anderes: Es braucht Zeit, um die neue Realität überhaupt zu begreifen. Denn zwischen dem, was wir uns lange gewünscht haben, und dem, was tatsächlich ist, liegt oft eine schmerzhafte Lücke. Diese Lücke auszuhalten, gehört zu den schwierigsten Aufgaben überhaupt. Es bedeutet nicht, aufzugeben, es bedeutet auch nicht, dass alles hoffnungslos ist, es bedeutet lediglich, die Situation so zu betrachten, wie sie im Moment tatsächlich ist, statt so, wie wir sie uns wünschen. Erst wenn wir diesen Blick zulassen, entsteht wieder Orientierung. Was in dieser Phase helfen kann Wenn du bemerkst, dass eine Hoffnung gerade zerbricht, versuche nicht sofort, eine neue Antwort zu finden. Erlaube dir zunächst wahrzunehmen, was gerade verloren geht. Vielleicht hilft dir die Frage: Wovon muss ich mich gerade eigentlich verabschieden? Manchmal ist es nicht die Beziehung selbst, sondern die Vorstellung, wie diese Beziehung hätte sein sollen. Nicht der Beruf, sondern das Bild, das wir mit diesem Beruf verbunden haben. Allein diese Unterscheidung kann unglaublich entlastend sein. Ebenso hilfreich ist eine weitere Frage: Wenn ich die Situation so betrachte, wie sie heute ist, unabhängig davon, wie sie einmal werden könnte, was nehme ich dann wahr? Diese Frage lenkt unseren Blick behutsam zurück in die Gegenwart. Dorthin, wo Entscheidungen überhaupt erst möglich werden. Aus der Klarheit statt aus der Verzweiflung entscheiden Viele Menschen glauben, Akzeptanz bedeute Resignation. Doch das Gegenteil ist der Fall. Solange wir ausschließlich an einer Hoffnung festhalten, richten wir unseren Blick immer wieder auf eine Zukunft, die vielleicht niemals eintreten wird. Akzeptanz bedeutet nicht, dass wir etwas gut finden. Sie bedeutet, anzuerkennen, was im Moment Realität ist. Und genau daraus entsteht wieder Handlungsfähigkeit. Nicht aus Trotz, nicht aus Panik und nicht aus der Angst, etwas falsch zu machen, sondern aus Klarheit. Vielleicht ist genau das der eigentliche Wendepunkt. Nicht der Moment, in dem die Hoffnung verschwindet, sondern der Moment, in dem wir aufhören, gegen die Realität anzukämpfen. Denn erst dann können wir uns bewusst fragen: Wie möchte ich von hier aus weitergehen? Diese Frage verändert alles. Sie richtet den Blick nicht mehr auf das, was hätte sein können, sondern auf das Leben, das jetzt vor uns liegt.
von Veruschka Vollendorf 28. Juli 2026
Wenn ich heute auf die letzten Jahre zurückblicke, gibt es etwas, das mich immer wieder beschäftigt. Ich habe eine Zeit lang sehr intensiv nach Antworten gesucht. Und wenn ich ehrlich bin, eigentlich nach der EINEN Lösung. Nach dem einen Schlüssel, der endlich alles verständlich macht und die Dinge dauerhaft verändern würde. Nach Erklärungen dafür, warum manche Dinge in meinem Leben immer wieder passiert sind, warum ich bestimmte Muster nicht durchbrechen konnte und was ich tun musste, damit sich endlich etwas verändert. Auf dieser Suche bin ich irgendwann in der Welt der Spiritualität gelandet. Und bevor ich weiterschreibe, ist mir eines wichtig: Ich bereue diesen Weg nicht. Im Gegenteil. Und ich ver- oder beurteile niemand, der diesen Weg für sich gewählt hat. Ich habe dort Menschen kennengelernt, die mich inspiriert haben, ich habe mich mit Themen beschäftigt, die mich näher zu mir selbst gebracht haben und ich habe vor allem gelernt, meine Gefühle bewusster wahrzunehmen, Verantwortung für mich zu übernehmen und mich mit Fragen auseinanderzusetzen, die ich mir vorher nie gestellt hätte. Das alles war wirklich wertvoll. Und trotzdem kam irgendwann ein Punkt, an dem ich merkte, dass ich mich im Kreis drehte. Ich las das nächste Buch, hörte den nächsten Podcast, buchte den nächsten Kurs und lernte die nächste Methode kennen. Immer mit der Hoffnung, dass diesmal der entscheidende Schlüssel dabei sein würde, die Methode, nach der endlich alles leichter werden würde. Dass ich nur noch den richtigen Glaubenssatz finden müsste. Die eine Blockade lösen. Die eine Erkenntnis gewinnen. Dann würde sich alles verändern und ich hätte endlich für immer ein erfülltes Leben. Doch genau das passierte nicht Heute glaube ich, dass viele dieser Ansätze einen wahren Kern haben. Das Problem ist aus meiner Sicht nicht, dass diese Gedanken grundsätzlich falsch wären. Das Problem entsteht dort, wo sie zur Antwort auf alles werden. Wo sie versprechen, dass wir nur noch den richtigen Hebel finden müssen und dann verschwinden alle unsere Schwierigkeiten. Plötzlich scheint jede Herausforderung nur noch eine Frage der Energie zu sein, jede schwierige Beziehung ein Spiegel, jede Krise eine Botschaft des Universums und jede Unsicherheit ein ungelöster Glaubenssatz. Und irgendwann fiel mir auf, dass ich zwar unglaublich viel über mich nachdachte, mein Leben sich aber viel weniger veränderte, als ich gehofft hatte. Rückblickend würde ich sagen: Ich suchte nach einfachen Erklärungen für komplexe Zusammenhänge. Nicht, weil ich naiv war, sondern weil ich mir so sehr gewünscht habe, dass es diese eine Lösung tatsächlich gibt. Einen Weg, auf dem das Leben endlich leichter wird. Einen Punkt, an dem ich sagen kann: Jetzt habe ich es geschafft. Dass jemand sagt: “Mach genau das - und dann wird alles gut.” Heute glaube ich, dass genau diese Sehnsucht uns manchmal in die Irre führt. Nicht nur in der Spiritualität, sondern wir begegnen ihr überall. Immer wieder verspricht uns jemand, die eine Methode, die eine Wahrheit oder den einen richtigen Weg zu kennen. Dabei ist das Leben selten so einfach. Heute sehe ich vieles differenzierter Ich glaube nicht mehr daran, dass es die eine Methode gibt, die alles löst. Ich glaube auch nicht mehr, dass wir jede Schwierigkeit sofort verstehen oder jedem Schmerz einen höheren Sinn geben müssen. Manche Dinge brauchen Zeit. Manche Herausforderungen verschwinden nicht, sondern verändern nur ihre Gestalt. Und vielleicht besteht persönliche Entwicklung gar nicht darin, irgendwann keine Probleme mehr zu haben, sondern darin, anders mit ihnen umzugehen. Veränderungen entstehen nicht durch eine einzige Erkenntnis, sondern durch viele kleine Schritte, die sich am Anfang vielleicht ungewohnt oder sogar unangenehm anfühlen. Und manchmal hilft uns weniger die nächste Methode als die Bereitschaft, der Realität ehrlich zu begegnen. Das bedeutet nicht, dass Spiritualität keinen Platz mehr in meinem Leben hat. Im Gegenteil. Es gibt Gedanken und Erfahrungen, die mich bis heute begleiten. Aber ich halte inzwischen Abstand von allem, was einfache Antworten auf komplexe Fragen verspricht, ganz gleich, aus welcher Richtung diese Antworten kommen. Denn genau das habe ich auf meinem Weg gelernt: Nicht jede Antwort, die sich gut anfühlt, bringt uns wirklich weiter. Und nicht jeder Umweg ist tatsächlich einer. Ich glaube heute sogar, dass ich genau diesen Weg gehen musste. Nicht, weil dort alle Antworten lagen, sondern weil ich dort gelernt habe, weiterzusuchen. Heute interessiert mich weniger, wer die überzeugendste Antwort hat. Mich interessiert vielmehr, was Menschen langfristig wirklich hilft, auch dann, wenn das Leben schwierig bleibt. 
von Veruschka Vollendorf 14. Juli 2026
Es gibt Situationen im Leben, die uns einfach nicht loslassen. Wir drehen sie immer wieder im Kopf hin und her, überlegen, analysieren, suchen nach einer Lösung – und landen doch immer wieder bei denselben Gedanken. Vielleicht kennst du das auch? Du fragst dich, warum jemand sich so verhalten hat, warum dir immer wieder ähnliche Dinge passieren oder warum du einfach nicht aus einem bestimmten Gefühl herauskommst. Je länger du darüber nachdenkst, desto fester scheint sich alles anzufühlen. Dabei liegt das oft gar nicht daran, dass es keine Lösung gibt, sondern daran, dass wir immer vom gleichen Standpunkt aus auf das Problem schauen. Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist Wir sehen sie so, wie wir sie im Laufe unseres Lebens gelernt haben zu sehen. Und deswegen sind unsere Gedanken nie vollkommen objektiv. Sie sind geprägt von unseren Erfahrungen, unseren Überzeugungen, unseren Ängsten und unseren Erwartungen. Wenn wir aber immer dieselben Gedanken über eine Situation denken, erleben wir oft auch immer wieder dieselben Gefühle. Unser Gehirn bewegt sich auf bekannten Wegen. Gleichzeitig sucht es unbewusst nach Bestätigungen für das, was wir ohnehin schon glauben. Wer überzeugt ist, nicht gut genug zu sein, wird vor allem die Situationen wahrnehmen, die dieses Gefühl bestätigen. Wer glaubt, andere würden ihn ablehnen, entdeckt schnell jeden kritischen Blick oder jede ausbleibende Nachricht als vermeintlichen Beweis. Nicht, weil es objektiv so ist. Sondern weil unser Gehirn genau danach sucht. Ein Perspektivwechsel unterbricht diesen Automatismus. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Ein Kollege geht an dir vorbei, ohne dich zu grüßen. Vielleicht denkst du sofort: "Er mag mich nicht." Vielleicht entsteht Unsicherheit oder sogar Ärger. Doch was weißt du tatsächlich? Vielleicht war er in Gedanken, vielleicht hatte er Stress oder vielleicht hat er dich schlicht nicht gesehen. Die Situation bleibt dieselbe. Geändert hat sich lediglich die Geschichte, die du darüber erzählst. Und genau das tun wir den ganzen Tag. Wir erzählen uns Geschichten. “Oft passiert mir so etwas.” “Ich bin eben nicht selbstbewusst.” “Das wird sich nie ändern.” “Immer muss ich alles allein schaffen.” Diese Sätze fühlen sich häufig wie Tatsachen an, dabei sind sie oft nur die eine Geschichte, die unser Kopf aus vielen möglichen Geschichten ausgewählt hat. Ein Perspektivwechsel fragt deshalb nicht: “Wie kann ich mir das schönreden?” Sondern: “Gibt es vielleicht noch eine andere Möglichkeit, diese Situation zu betrachten?” Allein diese Frage kann etwas in Bewegung bringen, denn plötzlich entsteht Neugier. Und Neugier ist das Gegenteil von innerer Enge. Ein Perspektivwechsel bedeutet also nicht, etwas schönzureden oder die Realität zu verleugnen, er bedeutet vielmehr, die eigene Sicht zu erweitern. Warum es oft so hilfreich ist, mit anderen zu reden Manchmal hilft dabei auch der Blick eines anderen Menschen. Nicht, weil dieser automatisch Recht hat, sondern weil er von einem anderen Standpunkt aus auf dieselbe Situation schaut. Stell dir vor, du stehst unter einem großen Baum. Du siehst den Stamm, vielleicht ein paar Äste und die Blätter. Mehr nicht. Erst wenn du ein Stück zur Seite gehst oder einige Meter Abstand gewinnst, erkennst du den ganzen Baum. Der Baum hat sich nicht verändert, nur dein Standort. Genauso ist es mit vielen Herausforderungen in unserem Leben. Ein Perspektivwechsel verändert nicht die Vergangenheit. Er macht eine Trennung nicht ungeschehen. Er nimmt keine Krankheit weg. Er verhindert keine Enttäuschung. Manche Dinge sind und bleiben schmerzhaft. (Und nochmal, es geht nicht darum, sie schönzureden!) Doch manchmal verändert sich die Frage oder die Ecke, aus der wir auf die Situation blicken. Aus „Warum passiert mir das?“ wird vielleicht ein „Wie möchte ich damit umgehen?“ Aus „Ich bin gescheitert.“ wird „Ich habe eine Erfahrung gemacht, die mich verändert hat.“ Und aus „Ich sitze fest.“ wird vielleicht „Ich habe bisher nur aus einer Richtung geschaut.“ Genau darin liegt die Kraft eines Perspektivwechsels. Nicht darin, die Wirklichkeit zu verändern, sondern darin, den eigenen Blick zu erweitern und wahrzunehmen, was sonst noch alles da ist. Denn solange wir glauben, dass unsere Sicht die einzige mögliche ist, bleiben wir oft auch in denselben Gedanken und Gefühlen gefangen. Manchmal genügt schon ein kleiner Schritt zur Seite. Nicht, weil dann plötzlich alles leicht wird. Sondern weil wir erkennen, dass es mehr gibt als den einen Blickwinkel, aus dem wir bisher auf unser Leben geschaut haben.
von Veruschka Vollendorf 30. Juni 2026
“Ich kann einfach nicht entspannen.” Diesen Satz höre ich immer wieder. Viele Menschen wünschen sich nichts sehnlicher, als endlich einmal zur Ruhe zu kommen. Gleichzeitig erleben sie genau das Gegenteil, sobald sie sich bewusst eine Pause gönnen. Sie setzen sich mit einer Tasse Kaffee auf den Balkon, legen sich für einen Moment aufs Sofa oder möchten einfach nur ein paar Minuten durchatmen. Doch statt Erholung wird der Kopf plötzlich laut. Gedanken schießen durch den Kopf, die To do Liste meldet sich oder das schlechte Gewissen klopft an. Nach wenigen Minuten stehen sie wieder auf und machen weiter. Oft folgt dann der Gedanke: “Ich kann das einfach nicht.” Doch genau das stimmt meist nicht! Was hier passiert, hat viel weniger mit der Fähigkeit zu entspannen zu tun, als mit dem, was unser Gehirn über viele Jahre gelernt hat. Viele Menschen sind mit der Überzeugung aufgewachsen, dass Leistung wichtig ist. Dass man etwas Sinnvolles tun sollte, dass man seine Zeit gut nutzen muss. Vielleicht wurde Fleiß besonders gelobt oder das Gefühl vermittelt, dass der eigene Wert eng mit der eigenen Leistung verbunden ist. Dazu kommt, dass unser Gehirn Gewohnheiten liebt. Alles, was wir über viele Jahre immer wieder tun und erleben, wird zu einem vertrauten Muster. Dieses Muster fühlt sich irgendwann ganz normal an. Wenn Aktivität, Leistung und Beschäftigung über lange Zeit zum Alltag gehören, empfindet das Gehirn genau diesen Zustand als vertraut und sicher - selbst wenn der Körper sich meldet, weil es zu viel ist. Ruhe dagegen ist ungewohnt. Und genau deshalb meldet sich in einer Pause oft innere Unruhe. Nicht, weil die Pause schlecht für dich ist, sondern weil dein Nervensystem gerade etwas erlebt, das es noch nicht gut kennt. Man kann sich das ein wenig wie einen alten Waldweg vorstellen. Diesen Weg ist man unzählige Male gegangen. Jeder Schritt fällt leicht. Daneben gibt es vielleicht einen neuen Pfad, der erst langsam entsteht. Am Anfang ist er kaum zu erkennen und jeder Schritt kostet mehr Aufmerksamkeit und Mühe. Erst wenn man ihn immer wieder geht, wird daraus ein neuer, gut begehbarer Weg. Mit Pausen ist es ganz ähnlich. Warum klappt das im Urlaub oft viel besser? Weil der Urlaub einen ganz anderen Rahmen schafft. Du hast dir bewusst erlaubt, nicht funktionieren zu müssen. Es gibt meist weniger Verpflichtungen, weniger Erwartungen und oft auch niemanden, der etwas von dir möchte. Dein Gehirn bekommt dadurch ein klares Signal: Jetzt ist Erholung erlaubt. Im Alltag sieht das häufig anders aus. Die Aufgaben sind noch da, die Wäsche wartet, der Schreibtisch ist nicht aufgeräumt oder im Hinterkopf meldet sich schon der nächste Termin. Obwohl du dir gerade zehn Minuten Pause nimmst, weiß dein Gehirn, dass danach noch vieles erledigt werden möchte. Deshalb springt das alte Muster viel schneller an und schickt Gedanken wie: “Ich müsste eigentlich noch…” oder “Jetzt verliere ich nur Zeit.” Das bedeutet aber nicht, dass dein Gehirn nur im Urlaub entspannen kann. Es bedeutet lediglich, dass es im Alltag erst lernen muss, dass auch dort kleine Pausen sicher sind. Aber viele Menschen erwarten, dass eine Pause sich sofort gut anfühlen muss. Doch häufig passiert zunächst genau das Gegenteil. Der Kopf wird lauter, die innere Anspannung wird plötzlich spürbar. Gedanken wie “Ich müsste eigentlich noch…” oder “Ich verschwende gerade Zeit” tauchen auf. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Pause dir nicht guttut. Im Gegenteil. Oft zeigt genau diese Unruhe, wie sehr dein Nervensystem daran gewöhnt ist, ständig im Tun zu sein. Deshalb funktioniert der Gedanke “Ich mache erst dann Pausen, wenn sie sich gut anfühlen” meistens nicht. Denn das angenehme Gefühl entsteht häufig erst durch die Erfahrung, dass nichts Schlimmes passiert, wenn du dir erlaubst, für einen Moment nichts zu tun. Dein Gehirn sammelt dann nach und nach neue Erfahrungen. “Ich darf sitzen bleiben.” “Ich muss nicht sofort aufspringen.” “Ich bin auch dann in Ordnung, wenn ich gerade nichts leiste.” Mit jeder Wiederholung wird dieser neue Weg ein wenig breiter. Manchmal höre ich auch den Satz: “Ich wollte mir etwas Gutes tun, aber mir ist gar nichts eingefallen.” Auch das ist vollkommen verständlich. Wer jahrelang vor allem damit beschäftigt war, Aufgaben zu erledigen und Erwartungen zu erfüllen, hat oft verlernt, sich überhaupt zu fragen: “Was würde mir gerade guttun?” Nicht, weil diese Fähigkeit verloren gegangen ist, sondern weil sie lange nicht gebraucht wurde. Auch das darf sich langsam wieder entwickeln. Vielleicht entdeckst du, dass dir zehn Minuten auf dem Balkon guttun. Vielleicht ist es Musik hören, ein paar Seiten in einem Buch lesen, barfuß durch den Garten gehen oder einfach nur aus dem Fenster schauen. Es müssen keine großen Dinge sein. Wichtig ist zunächst nicht, dass sich die Pause wunderbar anfühlt, wichtig ist, dass du bleibst Dass du die ersten Minuten der Unruhe nicht sofort als Zeichen dafür interpretieren, dass du etwas falsch machst. Denn genau in diesen Momenten beginnt Ihr Gehirn zu lernen, dass Ruhe kein Fehler ist. Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke, den ich dir mitgeben möchte: Nur weil sich etwas zunächst ungewohnt oder sogar unangenehm anfühlt, bedeutet das nicht, dass es dir nicht guttut. Manchmal bedeutet es einfach, dass du gerade dabei sind, ein Muster zu verändern, das dich viele Jahre begleitet hat. Und genau solche Veränderungen brauchen Zeit, Geduld und viele kleine Wiederholungen. Nicht Perfektion! Sondern die Bereitschaft, immer wieder für einen Moment sitzen zu bleiben und deinem Nervensystem die Chance zu geben, etwas Neues zu lernen.
von Veruschka Vollendorf 16. Juni 2026
Loslassen bedeutet auch, die Meinung anderer loszulassen
von Veruschka Vollendorf 2. Juni 2026
Es gibt Gefühle, über die wir leicht sprechen können. Freude gehört auf jeden Fall dazu, vielleicht auch Traurigkeit oder Angst. Und dann gibt es Gefühle, die lieber im Verborgenen bleiben. Scham gehört dazu. Dabei kennt sie nahezu jeder Mensch. Sie zeigt sich, wenn wir etwas Peinliches sagen, wenn wir uns zurückgewiesen fühlen, wenn wir ausgelacht werden, wenn wir das Gefühl haben, nicht dazuzugehören. Oder wenn wir glauben, den Erwartungen anderer nicht zu genügen. Scham ist eines der schmerzhaftesten Gefühle überhaupt. Gleichzeitig ist sie eines der menschlichsten. Und genau deshalb lohnt es sich, sie besser zu verstehen. Wenn Scham auftaucht, geht es selten nur um den Moment Viele Menschen beschreiben Scham ähnlich: „Am liebsten wäre ich im Boden versunken.“ „Ich wollte einfach nur weg.“ „Mein Kopf war plötzlich wie leergefegt.“ „Ich habe mich so klein gefühlt.“ Scham ist nicht nur ein Gefühl, sie ist ein Zustand, der den ganzen Menschen erfasst. Unser Blick senkt sich, das Gesicht wird heiß, die Schultern ziehen sich zusammen, die Sprache stockt und alle klaren Gedanken verschwinden. Manche Menschen werden still und ziehen sich zurück. Andere reagieren mit Rechtfertigung, Angriff oder Wut. Neuropsychologisch betrachtet aktiviert Scham dieselben alten Überlebenssysteme, die uns vor sozialem Ausschluss schützen sollten. Für unser Gehirn war Zugehörigkeit über Jahrtausende überlebenswichtig. Allein gelassen zu werden bedeutete früher oft Gefahr. Deshalb reagiert unser Nervensystem auf Scham häufig ähnlich intensiv wie auf eine Bedrohung. Scham sagt nicht: „Etwas ist passiert.“ Scham sagt: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Und genau deshalb fühlt sie sich oft so existenziell an. Doch: Scham ist nicht dein Feind Viele Menschen wünschen sich, Scham einfach loszuwerden. Doch Scham hat ursprünglich (und auch heute noch) eine wichtige Aufgabe: Sie schützt unsere Würde, unsere Beziehungen und unser Zusammenleben. Sie hilft uns wahrzunehmen, wenn etwas nicht stimmig ist. Wenn Grenzen verletzt wurden. Wenn wir gegen unsere eigenen Werte handeln. Oder wenn wir Gefahr laufen, die Verbindung zu anderen Menschen zu verlieren. Ein gesundes Schamgefühl unterstützt uns dabei, respektvoll mit anderen umzugehen, eigene Grenzen wahrzunehmen, Mitgefühl zu entwickeln, Verantwortung zu übernehmen, und soziale Beziehungen aufrechtzuerhalten. Scham an sich ist also nicht das Problem. Schwierig wird sie vor allem dann, wenn wir immer wieder von anderen beschämt wurden. Denn es macht einen großen Unterschied, ob jemand sagt: „Dein Verhalten war nicht in Ordnung.“ oder „Mit dir stimmt etwas nicht.“ Das erste hilft uns zu lernen, das zweite verletzt unser Selbstgefühl. Oder wenn wir ganz viel unternehmen, um Scham zu vermeiden oder sie wegzumachen. Die Scham hinter unseren Schutzstrategien Viele Verhaltensweisen, mit denen Menschen im Coaching oder in der Therapie auftauchen, haben bei genauerem Hinsehen einen gemeinsamen Ursprung: Scham. Perfektionismus. People Pleasing. Übermäßige Anpassung. Kontrolle. Leistungsdruck. Rückzug. Selbstkritik. Emotionale Erstarrung. In der Regel sind diese Strategien keine Schwächen, sondern sie sind kreative Lösungen des Nervensystems, die irgendwann mal Sinn gemacht haben: Wenn ein Kind wiederholt erlebt, dass Fehler zu Beschämung führen, entwickelt es vielleicht Perfektionismus. Wenn Gefühle ausgelacht werden, entsteht möglicherweise Rückzug oder mindestens, dass keine Gefühle mehr gezeigt werden. Wenn Verletzlichkeit gefährlich erscheint, entwickelt sich Kontrolle. Diese Strategien sind nicht entstanden, weil mit dem Menschen etwas nicht stimmt. Sie sind entstanden, weil das Nervensystem versucht hat, Schmerz zu vermeiden. Dieser Blick verändert oft alles. Denn plötzlich geht es nicht mehr um die Frage: „Warum bin ich so?“ Sondern: „Wovor versucht mich dieser Anteil eigentlich zu schützen?“ Die vier Gesichter der Scham Scham hat viele Ausdrucksformen. Dahinter stehen meist grundlegende menschliche Bedürfnisse. Anerkennungsscham Diese Form entsteht, wenn wir uns übersehen, missachtet oder nicht wahrgenommen fühlen. Vielleicht kennst du Situationen, in denen du etwas erzählt hast und niemand reagierte. Oder du hattest das Gefühl, nicht wichtig zu sein. Dann entsteht oft ein innerer Schmerz, der sagt: „Ich werde nicht gesehen.“ Hinter dieser Scham steckt das Bedürfnis nach Anerkennung und Resonanz. -> Wir möchten gesehen werden. -> Wir möchten bedeutsam sein. -> Wir möchten spüren, dass wir zählen. Intimitätsscham Diese Form schützt unsere Grenzen. Sie entsteht dort, wo wir uns bloßgestellt, ausgeliefert oder übergangen fühlen. Das kann nach Grenzverletzungen passieren, nach Demütigungen oder überall dort, wo wir mehr von uns zeigen mussten, als sich sicher angefühlt hat. Der Körper reagiert hier oft besonders stark. und viele Menschen ziehen sich zurück, erstarren oder wünschen sich, unsichtbar zu werden. Hinter dieser Scham steht das Bedürfnis nach Schutz. Ausgrenzungsscham Diese Form begegnet uns besonders häufig. Sie entsteht, wenn wir befürchten, nicht dazuzugehören. Wenn wir anders sind. Wenn wir kritisiert werden. Wenn wir ausgelacht werden. Wenn wir das Gefühl haben, den Erwartungen anderer nicht zu entsprechen. Der innere Satz lautet oft: „Ich gehöre nicht dazu.“ Weil Zugehörigkeit ein Grundbedürfnis ist, entwickeln viele Menschen hier starke Anpassungsstrategien. -> Sie werden besonders freundlich. -> Besonders leistungsstark. -> Besonders unauffällig. Nicht, weil sie so sein möchten, sondern weil sie dazugehören möchten. Gewissensscham Diese Form entsteht, wenn wir gegen unsere eigenen Werte handeln. Wenn wir unehrlich waren. Wenn wir jemanden verletzt haben. Wenn wir uns selbst untreu geworden sind. Diese Form von Scham kann etwas sehr Wertvolles sein. -> Sie erinnert uns daran, wer wir sein möchten. -> Sie unterstützt uns dabei, Verantwortung zu übernehmen und zu wachsen. Warum wir uns manchmal sogar für andere schämen Vielleicht kennst du das Gefühl, wenn jemand in einer Fernsehsendung bloßgestellt wird und du kaum hinschauen kannst. Oder wenn jemand öffentlich gedemütigt wird und sich in deinem Körper ebenfalls etwas zusammenzieht. Das nennen wir Fremdscham. Neurobiologisch spielen dabei unter anderem unsere Spiegelneuronen eine Rolle. Sie helfen uns dabei, die Gefühle anderer Menschen innerlich mitzuerleben. Wir spüren mit. In einem gesunden Maß ist das etwas sehr Wertvolles: Fremdscham verbindet uns mit Mitgefühl. Sie erinnert uns daran, dass Würde verletzlich ist. Sie motiviert uns, Menschen beizustehen, die ausgegrenzt, verachtet oder beschämt werden. Man könnte sagen: Fremdscham ist eine der emotionalen Grundlagen von Solidarität. Problematisch wird sie erst dann, wenn sie zu stark wird. Wenn wir aus Angst vor Ablehnung beginnen, uns selbst immer mehr anzupassen oder von den Beschämten zu distanzieren, um nicht ebenfalls Ziel von Abwertung zu werden. Dann trennt Fremdscham, statt zu verbinden. Schuld und Scham gehören oft zusammen Viele Menschen verwechseln diese beiden Gefühle. Dabei gibt es einen wichtigen Unterschied. Schuld sagt: „Ich habe etwas falsch gemacht.“ Scham sagt: „Ich bin falsch.“ Schuld bezieht sich auf ein Verhalten. Scham betrifft das Selbstgefühl. Deshalb kann Schuld oft leichter bearbeitet werden. Man kann Verantwortung übernehmen, sich entschuldigen oder etwas wiedergutmachen. Scham dagegen greift häufig die eigene Würde oder den Selbstwert an. Sie lässt uns zweifeln, ob wir liebenswert, willkommen oder richtig sind. Gerade deshalb braucht Scham einen anderen Umgang. Wie beginnt ein neuer Umgang? Viele Menschen glauben, sie müssten ihre Scham überwinden. Tatsächlich beginnt Veränderung meist an einer anderen Stelle: mit Wahrnehmung. Der erste Schritt lautet: „Ich bemerke, dass sich gerade etwas in mir schämt.“ Nicht sofort analysieren. Nicht wegmachen. Nicht bewerten. Einfach wahrnehmen. Denn Scham verliert oft einen Teil ihrer Macht, sobald wir beginnen, sie bewusst zu bemerken (und ggf. auch auszusprechen). Scham zeigt sich zuerst im Körper Bevor wir verstehen, dass wir uns schämen, reagiert meist schon unser Körper. Vielleicht bemerkst du: Enge im Brustkorb. Hitze und Rotwerden im Gesicht. Einen flachen Atem. Druck im Bauch. Den Impuls, dich zu verstecken. Auch hier wieder weniger zu denken und mehr wahrnehmen. Zum Beispiel mit Fragen wie: -> Was passiert gerade in meinem Körper? -> Welcher Anteil möchte sich verstecken? -> Was bräuchte ich in diesem Moment? Allein diese achtsame Wahrnehmung signalisiert dem Nervensystem Sicherheit. Scham braucht Würde Viele Menschen reagieren auf ihre Scham mit weiterer Härte. „Reiß dich zusammen.“ „Stell dich nicht so an.“ „Warum bin ich nur so empfindlich?“ Doch genau das vertieft die Scham oft. Scham verändert sich selten durch noch mehr Druck. Sie verändert sich, indem du dir mit Würde begegnest, durch einen inneren Kontakt, der sagt: „Natürlich tut das gerade weh.“ „Ein Teil von mir hat Angst, abgelehnt zu werden.“ „Ich darf gerade Mensch sein.“ Neue Erfahrungen verändern das Nervensystem Scham löst sich selten allein durch Erkenntnis, sondern sie verändert sich vor allem durch neue Erfahrungen. Wenn wir gesehen werden, ohne bewertet zu werden. Wenn wir Fehler machen dürfen. Wenn wir Grenzen setzen dürfen. Wenn wir Gefühle zeigen dürfen. Wenn wir erleben, dass wir nicht perfekt sein müssen, um dazuzugehören. Dann lernt unser Nervensystem langsam etwas Neues: „Ich darf da sein, auch wenn ich nicht perfekt bin.“ Und vielleicht ist genau das die tiefste Integration von Scham. Nicht niemals mehr Scham zu fühlen, sondern zu erleben, dass wir mit unserer Scham nicht allein sind. Denn dort, wo ein Mensch mit seiner Verletzlichkeit gesehen wird, ohne zusätzlich beschämt zu werden, entsteht etwas sehr Kostbares: Würde
von Veruschka Vollendorf 21. April 2026
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von Veruschka Vollendorf 14. April 2026
Wir leben in einer Welt voller Antworten. Podcasts, Ratgeber, Expertenmeinungen – überall warten Lösungen. Dabei fehlt oft das Einzige, das wirklich zählt: die richtige Frage an dich selbst. Selbstreflexion ist kein Luxus. Sie ist die Voraussetzung dafür, ein bewusstes Leben zu führen und nicht einfach von Situation zu Situation zu treiben. Wer sich regelmäßig ein paar ehrliche Fragen stellt, gewinnt Klarheit über sich, seine Beziehungen und seinen Weg. Nicht weil die Antworten immer einfach sind, sondern weil das Fragen selbst etwas in Bewegung bringt. Deshalb gibt es heute mehr Fragen als Antworten Was will ich überhaupt? Die grundlegendsten Fragen sind oft die, die wir am seltensten stellen. Dabei sind sie das Fundament von allem. Was will ich? Ziele & Richtung Was brauche ich? Bedürfnisse Der Unterschied zwischen Wollen und Brauchen ist wichtiger als er klingt. Wollen hat oft mit äußeren Zielen zu tun: Erfolg, Anerkennung, Veränderung. Brauchen geht tiefer: Sicherheit, Verbundenheit, Ruhe, Autonomie. Wer beides kennt, handelt aus einer anderen Qualität heraus. Wie geht es mir – wirklich? Zwei Fragen, die sich ähneln, aber verschiedene Ebenen ansprechen: Wie geht's mir gerade? Aktueller Zustand – sachlich Wie fühle ich mich? Aktueller Zustand – emotional Die erste Frage zielt auf den Gesamtzustand:körperlich, mental, im Alltag. Die zweite geht direkt in den emotionalen Kern. Beide regelmäßig zu stellen hilft, Warnsignale früh zu erkennen, bevor sie sich aufstauen. Werte & Ausrichtung Manchmal driften wir ohne es zu merken von dem ab, was uns wichtig ist. Diese Fragen helfen, sich neu zu kalibrieren: Handle ich gerade im Einklang mit dem, was mir wirklich wichtig ist? Werte Tue ich das aus Überzeugung – oder aus Angst, Pflicht oder Erwartung? Motivation Wofür bin ich heute dankbar? Fokus & Haltung Gerade die letzte Frage ist sehr einfach und trotzdem wirksam. Dankbarkeit verändert den Blickwinkel, nicht die Realität, aber der Blickwinkel bestimmt, was wir sehen. Wachstum & Reflexion Diese Fragen eignen sich besonders gut für den Abend oder das Wochenende, als eine Art persönliches Review: Was hat mich heute überrascht oder herausgefordert? Lernen Was würde ich anders machen, wenn ich nochmal anfangen könnte? Reflexion ohne Selbstkritik Was lerne ich gerade über mich selbst? Selbstkenntnis Die zweite Frage ist dabei keine Einladung zur Selbstkritik, sondern eine Einladung zur Neugier: Was hätte ich tun können, wenn ich mehr gewusst hätte? Energie & Ressourcen Nachhaltigkeit beginnt mit Bewusstsein darüber, was uns trägt und was uns auszehrt: Was gibt mir gerade Energie – und was kostet sie mich? Energiehaushalt Was brauche ich, um wieder in meine Kraft zu kommen? Selbstfürsorge Perspektivwechsel Wenn wir feststecken, hilft oft kein mehr Nachdenken, sondern ein anderer Blickwinkel: Was würde ich einem guten Freund oder Freundin in dieser Situation raten? Mitgefühl mit sich selbst Wie werde ich in fünf Jahren auf diese Situation zurückblicken? Zeitlicher Abstand Was würde jemand sehen, der mich von außen beobachtet? Außenperspektive Was übersehe ich gerade, weil ich zu nah dran bin? Blinder Fleck Die erste dieser Fragen ist besonders wirkungsvoll, weil sie uns aus dem Selbstvorwurf herausholt, denn wir würden einem Freund oder einer Freundin niemals so hart begegnen wie uns selbst. In Beziehungen Gute Beziehungen brauchen Klarheit über Verantwortung und echtes Zuhören. Diese Fragen helfen dabei: Ist das meine Verantwortung? Abgrenzung & Differenzierung Was brauchst du von mir oder wie kann ich dir helfen? Empathie ohne Lösungsdrang Spreche ich gerade über das, was ich wirklich meine? Ehrlichkeit in der Kommunikation Was nehme ich an, ohne es je gefragt zu haben? Annahmen hinterfragen Reagiere ich gerade auf die Person vor mir oder auf eine alte Geschichte in mir? Projektion erkennen Die letzte Frage ist eine der kraftvollsten überhaupt. Sie trennt das, was tatsächlich passiert, von dem, was wir mitbringen. Wie fange ich an? Du musst nicht alle Fragen täglich stellen. Such dir eine oder zwei aus, die gerade resonieren, und schreib die Antwort auf. Nicht für jemand anderen, sondern nur für dich. Der Akt des Aufschreibens verändert tatsächlich etwas: er bringt mehr Klarheit. Manche Fragen werden sich mit der Zeit verändern und das ist gut so. Denn du veränderst dich auch. Und die Fragen, die du dir stellst, sagen viel darüber aus, wer du gerade bist – und wer du werden willst. Welche Frage triffst du am meisten?
von Veruschka Vollendorf 7. April 2026
Der Alltag fordert etwas von dir, eine Entscheidung steht an, vielleicht meldet sich noch ein ungutes Gefühl aus einer Beziehung, eine Aufgabe im Beruf wartet, der Haushalt ist nicht fertig und parallel kreisen Gedanken darum, was du alles schon längst hättest erledigen müssen. Und alles fühlt sich gleich wichtig an. Es ist so, als wären in deinem Kopf zu viele Tabs gleichzeitig offen. Aus jedem kommt ein anderes Signal, jeder fordert Aufmerksamkeit und alles scheint gleichzeitig dringend. In solchen Momenten glauben viele Menschen, sie müssten nur noch schneller werden. Noch effizienter denken, sofort Lösungen finden, alles rasch abarbeiten. Dahinter steckt die Hoffnung, dass dann endlich Ruhe einkehrt. Psychologisch passiert jedoch oft genau das Gegenteil. Wenn Überforderung entsteht, ist der emotionale Bereich im Gehirn stark aktiviert. Das Nervensystem registriert innere und äußere Anforderungen als etwas, das sofort gelöst werden muss. Der Körper geht in Alarmbereitschaft, Stresshormone steigen, die innere Anspannung nimmt zu. Das Problem ist, dass in genau diesem Zustand klares Denken schwerer wird. Der Bereich im Gehirn, der für Einordnung, Priorisierung und vorausschauende Entscheidungen zuständig ist, kann unter Stress deutlich schlechter arbeiten. Plötzlich fühlt sich alles gleich wichtig an und das wirklich Dringende lässt sich kaum noch von dem unterscheiden, was eigentlich warten könnte. Dann kommt direkt der Gedanke: "Ich bin überfordert." Dieser Satz beschreibt zwar das Gefühl, verstärkt aber oft unbewusst die Ohnmacht. Aus einem vorübergehenden Zustand wird oft schnell ein Selbstbild. Und zwar in der Regel kein besonders positives, sondern ein "ich bekomme das nicht hin" oder "ich bin nicht gut genug". Lass uns mal gemeinsam einen anderen Blick darauf werfen Nicht: Ich bin überfordert. Sondern: Mein System ist gerade im Alarmmodus und es fällt mir deshalb schwer, zu sortieren. "Was ist in diesem Moment denn wirklich das Wichtigste?" Allein diese Frage verändert bereits etwas im Gehirn. Du verlässt für einen Moment den reinen Alarm und aktivierst wieder den Bereich, der ordnen, unterscheiden und entscheiden kann. Es geht nicht darum, sofort alles zu lösen, es geht darum, wieder Richtung zu finden. Oft hilft dann ein sehr einfacher nächster Schritt Frag dich: "Was brauche ich genau jetzt?" Ist es eine Pause, ein Glas Wasser, ein Gespräch, ein Zettel für Gedanken, eine Entscheidung, was heute nicht mehr dran ist? Überforderung löst sich selten dadurch, dass wir alles gleichzeitig angehen. Sie wird leichter, wenn wir innehalten und erstmal Komplexität reduzieren. Eine Priorität. Eine Entscheidung. Ein nächster Schritt. Mehr braucht dein Gehirn in diesem Moment oft gar nicht. Langsamer zu werden ist dabei kein Rückschritt, sondern es ist der Weg zurück zu innerer Ordnung. Viele Menschen haben gelernt, Stress mit noch mehr Tempo zu beantworten. Doch das Nervensystem findet Sicherheit nicht in Geschwindigkeit, sondern in Orientierung. Wenn du dir erlaubst, kurz innezuhalten und bewusst zu wählen, was jetzt wirklich zählt, weicht die Verzweiflung oft einer spürbaren Erleichterung. Nicht, weil schon alles gelöst ist. Sondern weil wieder klar ist, wo du anfangen kannst. Und genau darin entsteht Ruhe, Schritt für Schritt.