Wenn Gewohnheiten eng machen

Veruschka Vollendorf

Viele Menschen gestalten ihren Alltag nach vertrauten Mustern. Sie kaufen häufig die gleichen Lebensmittel, gehen in die gleichen Geschäfte, wählen ähnliche Wege und treffen Entscheidungen nach Gewohnheiten, die sich im Laufe der Zeit etabliert haben.
Das ist nichts Besonderes, sondern ein ganz natürlicher Prozess.
Denn unser Gehirn liebt Wiederholungen. Nicht weil wir unkreativ wären, sondern weil unser Nervensystem effizient arbeitet. Jede Gewohnheit, die sich einmal etabliert hat, spart Energie. Das Gehirn muss weniger entscheiden, weniger abwägen und weniger neue Informationen verarbeiten. Aus neurobiologischer Sicht ist das sehr sinnvoll.

Und noch etwas spielt dabei eine wichtige Rolle:
Gewohnheiten vermitteln Sicherheit.

Wenn Abläufe vertraut sind, wenn wir wissen, was uns erwartet, und wenn Entscheidungen nicht jedes Mal neu getroffen werden müssen, entsteht ein Gefühl von Kontrolle. Unser Nervensystem kann sich entspannen, weil die Umgebung vorhersehbar ist.
So entsteht Alltag und Alltag ist grundsätzlich etwas Gutes. Er gibt Struktur, Orientierung und Stabilität.

Interessant wird es allerdings dann, wenn diese vertrauten Muster plötzlich nicht mehr funktionieren. Wenn eine Situation sich verändert oder wenn vertraute Möglichkeiten nicht mehr zur Verfügung stehen.
In solchen Momenten lässt sich gut beobachten, wie stark unser Gehirn zunächst versucht, das Bekannte wiederherzustellen. Menschen suchen nach den vertrauten Lösungen, nach den gleichen Produkten, den gleichen Abläufen, den gleichen Entscheidungen.
Auch das ist vollkommen normal. Unser Nervensystem orientiert sich in neuen Situationen zunächst an dem, was es bereits kennt. Es versucht, die alte Ordnung wieder aufzubauen.

Manchmal zeigt sich dabei jedoch ein weiterer Mechanismus

Je stärker wir versuchen, ausschließlich am Bekannten festzuhalten, desto enger kann sich unser Handlungsspielraum anfühlen. Die Aufmerksamkeit richtet sich dann vor allem auf das, was nicht verfügbar ist oder nicht der gewohnten Struktur entspricht.
In der Psychologie wird in diesem Zusammenhang häufig von der sogenannten Komfortzone gesprochen. Der Begriff klingt allerdings ein wenig so, als ginge es dabei um Bequemlichkeit.
Aus neuropsychologischer Sicht geht es sehr viel mehr um Sicherheit.

Unser Nervensystem orientiert sich gerne an dem, was vertraut und vorhersehbar ist. Vorhersagbarkeit wirkt beruhigend. Sie signalisiert dem Körper, dass keine unmittelbare Gefahr besteht. Dieser Mechanismus ist tief in unserer Biologie verankert.

Schwieriger wird es erst dann, wenn aus dieser Orientierung am Bekannten unbemerkt Vermeidung entsteht.

Vermeidung ist ein sehr wirksamer Mechanismus. Wenn wir etwas umgehen, das sich unsicher oder ungewohnt anfühlt, beruhigt sich unser Nervensystem zunächst. Kurzfristig entsteht Entlastung.
Langfristig hat Vermeidung jedoch eine Nebenwirkung: sie verkleinert unseren Handlungsspielraum.

Je häufiger wir ausschließlich das wählen, was wir bereits kennen, desto weniger Möglichkeiten bleiben sichtbar. Die Welt wird dadurch nicht wirklich kleiner, aber der innere Entscheidungsraum wird enger.
Dieser Prozess geschieht meist sehr leise. Nicht unbedingt aus bewusster Angst, sondern häufig einfach aus Gewohnheit.
Gleichzeitig kann genau hier ein weiterer psychologischer Mechanismus entstehen. Wenn wir über längere Zeit vor allem das Vertraute wählen und Ungewohntes eher vermeiden, lernt unser Nervensystem nur noch selten, dass auch neue oder andere Erfahrungen sicher sein können.
Mit der Zeit kann dadurch eine subtile Unsicherheit gegenüber dem entstehen, was außerhalb der eigenen Gewohnheiten liegt. Nicht unbedingt als klare Angst, sondern eher als inneres Zögern, als ein Gefühl von Unbehagen oder als der Impuls, lieber beim Bekannten zu bleiben.

Diese Dynamik zeigt sich nicht nur im Alltag, sondern oft auch in Beziehungen.

Menschen, die sehr stark an ihren inneren Mustern festhalten müssen, erleben Unterschiede, neue Perspektiven oder Konflikte häufig schneller als bedrohlich. Nicht, weil sie schwierig oder unflexibel sein möchten, sondern weil ihr Nervensystem wenig Erfahrung damit hat, dass auch ungewohnte Situationen sicher bewältigt werden können.
Dann wird nicht nur der Alltag enger, sondern auch der Raum für Entwicklung, Austausch und echte Begegnung.

Die gute Nachricht: unser Nervensystem kann in beide Richtungen lernen 

So wie es sich an Gewohnheiten und Vermeidung anpasst, kann es auch wieder neue Erfahrungen integrieren. Dafür braucht es meist keine großen Veränderungen oder radikalen Schritte. Oft reicht schon eine kleine Bewegung außerhalb der vertrauten Muster.
Wenn Menschen bewusst beginnen, Neues auszuprobieren, andere Optionen zuzulassen oder gewohnte Abläufe leicht zu verändern, entsteht oft eine überraschende Erfahrung. Die Situation wird leichter, neugieriger, offener.

Das bedeutet nicht, dass Gewohnheiten grundsätzlich problematisch sind. Im Gegenteil. Unser Alltag braucht Routinen, sonst müssten wir jeden Tag eine große Anzahl an Entscheidungen neu treffen. Aber gelegentlich kann es hilfreich sein, einen Moment innezuhalten und sich zu fragen, an welchen Stellen wir vielleicht stärker festhalten, als eigentlich notwendig wäre.

Nicht mit dem Ziel, alles zu verändern. Sondern einfach, um den eigenen Spielraum wieder ein wenig zu erweitern.

Oft beginnt das mit sehr kleinen Schritten:
  • Ein anderes Produkt im Supermarkt.
  • Ein anderer Weg nach Hause.
  • Ein neues Gericht, das man ausprobiert.

Manchmal erleben Menschen diesen Effekt besonders deutlich auf Reisen. In einer neuen Umgebung funktionieren viele gewohnte Abläufe nicht mehr automatisch. Man isst andere Lebensmittel, bewegt sich auf neuen Wegen, begegnet anderen Menschen und Eindrücken.
Viele berichten, dass genau darin eine besondere Lebendigkeit entsteht. Neue Erfahrungen können inspirierend wirken, der Blick wird weiter und manches, was man dort ausprobiert hat, möchte man später sogar mit in den eigenen Alltag nehmen.

Unser Nervensystem lernt durch Erfahrung 

Immer dann, wenn wir erleben, dass auch etwas Neues sicher sein kann, erweitert sich unser innerer Rahmen ein Stück.
Und genau darin liegt häufig eine überraschende Leichtigkeit.

Nicht alles muss so bleiben, wie wir es immer gemacht haben.
Und vieles ist möglich, auch wenn es sich zunächst ungewohnt anfühlt.