Zwischen Anspannung und Schutz

Nicht zu sensibel, sondern überlastet


Viele Menschen - und oft gerade die reflektierten, sensiblen, verantwortungsvollen - unterschätzen ihr Nervensystem.

Sie treffen Entscheidungen, führen Gespräche, gehen Termine ein, halten durch. Und wundern sich anschließend, warum der Körper streikt. Warum Tränen kommen. Warum sie erschöpft sind, gereizt reagieren oder sich plötzlich zurückziehen möchten.

Dann beginnt häufig die innere Suche nach dem Fehler: Ich habe doch zugestimmt. Ich wusste doch, worauf ich mich einlasse. Warum verkrafte ich das nicht?

Dieser Blogbeitrag ist eine Einladung, diese Frage anders zu betrachten.


Dein Nervensystem arbeitet nicht logisch, sondern schützend


Unser Nervensystem ist kein Denkorgan. Es prüft nicht ab, ob etwas sinnvoll, vernünftig oder gut gemeint ist. Es stellt nur eine Frage:

"Bin ich sicher oder nicht?"

Diese Einschätzung geschieht blitzschnell, unbewusst und auf Basis von Erfahrungen, die oft weit zurückreichen. Besonders in belastenden oder überfordernden Lebensphasen ist das Nervensystem ohnehin angespannt. Dann reagiert es schneller, intensiver und manchmal scheinbar „unverhältnismäßig“. Das bedeutet: Auch wenn dein Kopf sagt „das schaffe ich“, kann dein Nervensystem längst im Alarmmodus sein. Nicht, weil du dich täuschst, sondern weil dein System Schutz priorisiert.


Warum Reaktionen oft erst hinterher kommen


Ein häufiges Missverständnis ist, dass Reaktionen sofort auftreten müssten. Viele Menschen funktionieren zunächst erstaunlich gut: im Gespräch, im Termin, im Konflikt, im Alltag.


Und erst später, manchmal Stunden oder Tage danach, zeigt sich die Reaktion:

  • Erschöpfung
  • innere Unruhe
  • emotionale Überflutung
  • körperliche Symptome


Neuropsychologisch ist das gut erklärbar. In angespannten Situationen schaltet das Nervensystem in einen Funktionsmodus. Energie wird mobilisiert, Gefühle werden gedämpft, der Fokus verengt sich. Erst wenn die Situation vorbei ist und der Druck nachlässt, darf das System reagieren. Das ist kein Versagen, es ist ein Schutzmechanismus.


Überforderung entsteht nicht nur durch „zu viel“, sondern durch zu wenig Sicherheit


Viele meiner Klient*innen sagen Sätze wie: "So schlimm war das doch eigentlich gar nicht." Doch Überforderung entsteht nicht allein durch äußere Belastung. Sie entsteht, wenn Anforderungen auf ein ohnehin erschöpftes System treffen, alte Erfahrungen unbewusst aktiviert werden (Trigger) oder wenig innere oder äußere Sicherheit verfügbar ist. Vielleicht kommt dazu noch Schlafmangel, emotionale Spannungen, ungelöste Konflikte oder innere Ansprüche und all das wirkt zusammen. Das Nervensystem rechnet nicht in einzelnen Ereignissen, sondern in Gesamtbelastung.


Warum Verstehen allein oft nicht reicht


Viele Menschen haben bereits viel verstanden: ihre Muster, ihre Geschichte, ihre Trigger. Und trotzdem reagieren sie immer wieder ähnlich. Das liegt daran, dass Einsicht im präfrontalen Kortex entsteht, Regulation aber im autonomen Nervensystem. Oder bildlich gesprochen: Du kannst mit dem Verstand erklären, warum der Rauchmelder losgeht. Aber das stoppt das Piepen nicht. Was hilft, ist nicht noch mehr Analyse, sondern Regulation.


Vielleicht helfen dir diese Gedanken, wenn dich genau da aktuell befindest:

  • "Meine Reaktion ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Schutz."
  • "Ich bin nicht zu sensibel, mein Nervensystem ist belastet."
  • "Ich muss mich nicht zusammenreißen, sondern besser spüren."
  • "Grenzen sind keine Charakterschwäche, sondern eine Regulationshilfe."


Diese Perspektive verändert nicht alles sofort, aber sie nimmt Druck - und darum geht es.


Konkrete Tipps für den Alltag


1. Vor Entscheidungen: den Körper mit einbeziehen

Frage dich nicht nur "will ich das?", sondern: "Wie fühlt sich mein Körper bei dem Gedanken an?" Weit oder eng, ruhig oder angespannt?

Der Körper gibt oft ehrlichere Antworten als der Kopf.


2. Nach Belastung bewusst herunterfahren

Plane nach fordernden Situationen Zeit ein, in der nichts „geleistet“ werden muss:

  • Bewegung ohne Ziel
  • Wärme
  • Stille
  • einfache, rhythmische Tätigkeiten

Das hilft dem Nervensystem, wieder in Sicherheit zu finden.


3. Frühzeichen ernst nehmen

Reizbarkeit, innere Unruhe, Erschöpfung sind keine Störungen, sondern Signale. Je früher du reagierst, desto weniger drastisch muss dein System werden.


4. Erwartungen an dich selbst überprüfen

Nicht alles, was du kannst, ist im Moment auch tragbar. Kapazität ist kein fixer Wert, sie schwankt.


Zum Schluss


Vielleicht geht es nicht darum, dich zu verändern. Vielleicht geht es darum, dein Nervensystem besser zu verstehen. Wenn wir beginnen, unsere Reaktionen nicht mehr zu bewerten, sondern zu lesen, entsteht etwas Neues:

  • mehr Mitgefühl (mit dir selbst)
  • mehr Klarheit
  • mehr Selbstschutz

Und oft auch: mehr Ruhe.


Nicht, weil das Leben weniger fordert, sondern weil dein System sich sicherer fühlt.


© Veruschka Vollendorf, 13.01.2026