Wenn Pausen sich erst einmal falsch anfühlen

Veruschka Vollendorf

“Ich kann einfach nicht entspannen.”

Diesen Satz höre ich immer wieder. Viele Menschen wünschen sich nichts sehnlicher, als endlich einmal zur Ruhe zu kommen. Gleichzeitig erleben sie genau das Gegenteil, sobald sie sich bewusst eine Pause gönnen. Sie setzen sich mit einer Tasse Kaffee auf den Balkon, legen sich für einen Moment aufs Sofa oder möchten einfach nur ein paar Minuten durchatmen. Doch statt Erholung wird der Kopf plötzlich laut. Gedanken schießen durch den Kopf, die To do Liste meldet sich oder das schlechte Gewissen klopft an. Nach wenigen Minuten stehen sie wieder auf und machen weiter.

Oft folgt dann der Gedanke: “Ich kann das einfach nicht.”

Doch genau das stimmt meist nicht!


Was hier passiert, hat viel weniger mit der Fähigkeit zu entspannen zu tun, als mit dem, was unser Gehirn über viele Jahre gelernt hat. Viele Menschen sind mit der Überzeugung aufgewachsen, dass Leistung wichtig ist. Dass man etwas Sinnvolles tun sollte, dass man seine Zeit gut nutzen muss. Vielleicht wurde Fleiß besonders gelobt oder das Gefühl vermittelt, dass der eigene Wert eng mit der eigenen Leistung verbunden ist.

Dazu kommt, dass unser Gehirn Gewohnheiten liebt. Alles, was wir über viele Jahre immer wieder tun und erleben, wird zu einem vertrauten Muster. Dieses Muster fühlt sich irgendwann ganz normal an. Wenn Aktivität, Leistung und Beschäftigung über lange Zeit zum Alltag gehören, empfindet das Gehirn genau diesen Zustand als vertraut und sicher - selbst wenn der Körper sich meldet, weil es zu viel ist.


Ruhe dagegen ist ungewohnt. Und genau deshalb meldet sich in einer Pause oft innere Unruhe. Nicht, weil die Pause schlecht für dich ist, sondern weil dein Nervensystem gerade etwas erlebt, das es noch nicht gut kennt. Man kann sich das ein wenig wie einen alten Waldweg vorstellen. Diesen Weg ist man unzählige Male gegangen. Jeder Schritt fällt leicht. Daneben gibt es vielleicht einen neuen Pfad, der erst langsam entsteht. Am Anfang ist er kaum zu erkennen und jeder Schritt kostet mehr Aufmerksamkeit und Mühe. Erst wenn man ihn immer wieder geht, wird daraus ein neuer, gut begehbarer Weg.

Mit Pausen ist es ganz ähnlich.


Warum klappt das im Urlaub oft viel besser?


Weil der Urlaub einen ganz anderen Rahmen schafft. Du hast dir bewusst erlaubt, nicht funktionieren zu müssen. Es gibt meist weniger Verpflichtungen, weniger Erwartungen und oft auch niemanden, der etwas von dir möchte. Dein Gehirn bekommt dadurch ein klares Signal: Jetzt ist Erholung erlaubt.

Im Alltag sieht das häufig anders aus. Die Aufgaben sind noch da, die Wäsche wartet, der Schreibtisch ist nicht aufgeräumt oder im Hinterkopf meldet sich schon der nächste Termin. Obwohl du dir gerade zehn Minuten Pause nimmst, weiß dein Gehirn, dass danach noch vieles erledigt werden möchte. Deshalb springt das alte Muster viel schneller an und schickt Gedanken wie: “Ich müsste eigentlich noch…” oder “Jetzt verliere ich nur Zeit.”

Das bedeutet aber nicht, dass dein Gehirn nur im Urlaub entspannen kann. Es bedeutet lediglich, dass es im Alltag erst lernen muss, dass auch dort kleine Pausen sicher sind.


Aber viele Menschen erwarten, dass eine Pause sich sofort gut anfühlen muss. Doch häufig passiert zunächst genau das Gegenteil. Der Kopf wird lauter, die innere Anspannung wird plötzlich spürbar. Gedanken wie “Ich müsste eigentlich noch…” oder “Ich verschwende gerade Zeit” tauchen auf. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Pause dir nicht guttut.

Im Gegenteil. Oft zeigt genau diese Unruhe, wie sehr dein Nervensystem daran gewöhnt ist, ständig im Tun zu sein. Deshalb funktioniert der Gedanke “Ich mache erst dann Pausen, wenn sie sich gut anfühlen” meistens nicht. Denn das angenehme Gefühl entsteht häufig erst durch die Erfahrung, dass nichts Schlimmes passiert, wenn du dir erlaubst, für einen Moment nichts zu tun.


Dein Gehirn sammelt dann nach und nach neue Erfahrungen.

  • “Ich darf sitzen bleiben.”
  • “Ich muss nicht sofort aufspringen.”
  • “Ich bin auch dann in Ordnung, wenn ich gerade nichts leiste.”


Mit jeder Wiederholung wird dieser neue Weg ein wenig breiter.


Manchmal höre ich auch den Satz: “Ich wollte mir etwas Gutes tun, aber mir ist gar nichts eingefallen.” Auch das ist vollkommen verständlich. Wer jahrelang vor allem damit beschäftigt war, Aufgaben zu erledigen und Erwartungen zu erfüllen, hat oft verlernt, sich überhaupt zu fragen: “Was würde mir gerade guttun?”


Nicht, weil diese Fähigkeit verloren gegangen ist, sondern weil sie lange nicht gebraucht wurde. Auch das darf sich langsam wieder entwickeln. Vielleicht entdeckst du, dass dir zehn Minuten auf dem Balkon guttun. Vielleicht ist es Musik hören, ein paar Seiten in einem Buch lesen, barfuß durch den Garten gehen oder einfach nur aus dem Fenster schauen.

Es müssen keine großen Dinge sein.


Wichtig ist zunächst nicht, dass sich die Pause wunderbar anfühlt, wichtig ist, dass du bleibst


Dass du die ersten Minuten der Unruhe nicht sofort als Zeichen dafür interpretieren, dass du etwas falsch machst. Denn genau in diesen Momenten beginnt Ihr Gehirn zu lernen, dass Ruhe kein Fehler ist.


Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke, den ich dir mitgeben möchte:

Nur weil sich etwas zunächst ungewohnt oder sogar unangenehm anfühlt, bedeutet das nicht, dass es dir nicht guttut.

Manchmal bedeutet es einfach, dass du gerade dabei sind, ein Muster zu verändern, das dich viele Jahre begleitet hat.

Und genau solche Veränderungen brauchen Zeit, Geduld und viele kleine Wiederholungen.

Nicht Perfektion!

Sondern die Bereitschaft, immer wieder für einen Moment sitzen zu bleiben und deinem Nervensystem die Chance zu geben, etwas Neues zu lernen.