Du kannst nicht kontrollieren, was andere über dich denken
Veruschka Vollendorf
Loslassen bedeutet auch, die Meinung anderer loszulassen
Wenn Menschen davon sprechen, loslassen zu müssen, denken sie oft an die Vergangenheit. An eine Beziehung, die zu Ende gegangen ist, an einen Lebenstraum, der sich nicht erfüllt hat, an Verletzungen, Enttäuschungen oder Erwartungen.
Doch es gibt noch etwas anderes, das viele von uns festhalten, oft ohne es zu bemerken:
Die Kontrolle darüber, was andere Menschen über uns denken.
Vielleicht ist genau das eines der schwierigsten Dinge überhaupt loszulassen. Denn tief in uns steckt ein menschliches Bedürfnis, das wir alle teilen. Wir möchten dazugehören. Wir möchten gemocht werden. Wir möchten angenommen werden. Und wir möchten uns sicher fühlen in unseren Beziehungen.
Deshalb verbringen viele Menschen einen großen Teil ihres Lebens damit, bewusst oder unbewusst zu beeinflussen, wie andere sie wahrnehmen.
Wie wir versuchen, die Wahrnehmung anderer zu steuern
Manchmal geschieht das ganz offensichtlich.
- Wir zeigen auf Social Media vor allem die Seiten unseres Lebens, auf die wir stolz sind.
- Wir bemühen uns, kompetent, freundlich oder souverän zu wirken.
- Wir erzählen lieber von unseren Erfolgen als von unseren Unsicherheiten.
Doch oft sind die Versuche viel subtiler.
- Wir sagen Ja, obwohl wir eigentlich Nein meinen.
- Wir helfen anderen, obwohl wir erschöpft sind.
- Wir schlucken Ärger herunter, um keinen Konflikt auszulösen.
- Wir zeigen keine Traurigkeit, weil wir niemandem zur Last fallen möchten.
- Wir verstecken unsere Unsicherheit hinter Perfektionismus.
Nach außen wirkt das häufig angepasst, hilfsbereit oder stark, im Inneren steckt oft etwas ganz anderes dahinter:
Die Hoffnung, dadurch akzeptiert, geliebt oder wertgeschätzt zu werden. Oder die Angst, dass Ablehnung drohen könnte, wenn andere sehen, wer wir wirklich sind.
Warum unser Gehirn so reagiert
Wenn wir verstehen möchten, warum uns die Meinung anderer so wichtig ist, hilft ein Blick auf unsere Geschichte als Menschen.
Über einen Großteil der Menschheitsgeschichte war Zugehörigkeit keine Komfortfrage, sie war überlebenswichtig. Von der Gruppe ausgeschlossen zu werden bedeutete oft Gefahr. Unser Gehirn hat deshalb Systeme entwickelt, die sehr aufmerksam auf soziale Signale reagieren. Anerkennung fühlt sich gut an, Ablehnung schmerzt.
Tatsächlich zeigen Studien, dass soziale Zurückweisung ähnliche Hirnregionen aktiviert wie körperlicher Schmerz. Deshalb ist es völlig normal, dass uns die Meinung anderer nicht gleichgültig ist. Problematisch wird es erst dann, wenn unser Selbstwert vollständig davon abhängig wird. Wenn wir das Gefühl haben, ständig kontrollieren zu müssen, wie wir wirken. Und wenn wir glauben, wir müssten eine bestimmte Version von uns selbst präsentieren, um angenommen zu werden.
Die Anstrengung, jemand sein zu müssen
Viele Menschen merken gar nicht, wie viel Energie sie in diese Kontrolle investieren. Sie beobachten sich ständig selbst.
- Wie wirke ich gerade?
- War das peinlich?
- Hat die andere Person mich jetzt falsch verstanden?
- Komme ich sympathisch rüber?
- Habe ich genug getan?
Diese innere Überwachung kostet Kraft und sie führt dazu, dass wir immer weniger bei uns selbst und immer mehr bei den Reaktionen anderer sind. Man könnte sagen:
Wir leben nicht mehr von innen nach außen, sondern wir leben von außen nach innen. Die Bewertungen anderer werden zum Maßstab für den eigenen Wert. Und das ist ein Maßstab, der sich ständig verändert.
Die große Ironie
Das Tragische daran ist: Genau das Verhalten, das uns Nähe und Anerkennung bringen soll, verhindert oft echte Verbindung. Die meisten Menschen wünschen sich, gesehen zu werden. Wirklich gesehen. Nicht für ihre Leistung, nicht für ihre Rolle, nicht für die perfekte Version ihrer selbst, sondern für das, was sie tatsächlich sind. Doch wenn wir nur die Seiten zeigen, von denen wir glauben, dass andere sie mögen werden, lernt niemand unser echtes Selbst kennen.
Dann bekommen wir vielleicht Zustimmung, vielleicht Lob oder Anerkennung, aber wir bekommen nie die Erfahrung:
“Diese Person kennt mich wirklich und bleibt trotzdem.”
Echte Nähe entsteht nicht dort, wo wir perfekt erscheinen, sie entsteht dort, wo wir uns wirklich zeigen.
Mit unseren Stärken.
Mit unseren Unsicherheiten.
Mit unseren Fehlern.
Mit unserer Menschlichkeit.
Was darunter liegt
Hinter dem Wunsch, die Wahrnehmung anderer zu kontrollieren, steckt natürlich eine viel tiefere Frage.
- Reiche ich eigentlich aus?
- Bin ich gut genug?
- Bin ich liebenswert, auch wenn ich Fehler mache?
- Darf ich schwach sein?
- Darf ich Bedürfnisse haben?
- Darf ich Grenzen setzen?
Viele Menschen haben früh gelernt, dass Liebe, Aufmerksamkeit oder Anerkennung an Bedingungen geknüpft sind. Vielleicht gab es besonders viel Lob für Leistung, vielleicht wurde Anpassung belohnt und vielleicht war wenig Raum für Gefühle, Bedürfnisse oder Fehler.
Daraus entsteht dann die innere Überzeugung:
- Ich muss etwas tun, um wertvoll zu sein.
- Ich muss etwas leisten.
- Ich muss etwas darstellen.
- Ich muss jemand sein.
Doch Selbstwert entsteht nicht dadurch, dass wir immer mehr leisten oder immer besser funktionieren. Selbstwert entsteht durch die Erfahrung, dass wir auch dann wertvoll sind, wenn wir gerade nichts beweisen.
Loslassen bedeutet nicht Gleichgültigkeit
An dieser Stelle entsteht oft ein Missverständnis. Loslassen bedeutet nicht, dass uns die Meinung anderer völlig egal werden soll.
Menschen sind soziale Wesen. Natürlich berühren uns Rückmeldungen und natürlich freuen wir uns über Wertschätzung. Und natürlich schmerzt Kritik manchmal.
Das Ziel ist auf gar keinen Fall Gleichgültigkeit, sondern das Ziel ist innere Freiheit. Die Meinung anderer darf eine Information sein, sie darf uns berühren. Aber sie muss kein Urteil über unseren Wert sein und sie muss uns nicht definieren!
Die eigentliche Aufgabe
Wenn wir weniger von der Bestätigung anderer abhängig sein möchten, führt der Weg nicht über mehr Kontrolle. Er führt über eine bessere Beziehung zu uns selbst. Denn je mehr wir unseren eigenen Wert erkennen, desto weniger müssen wir ihn ständig von außen bestätigen lassen. Das bedeutet nicht, sich einzureden, wie großartig man ist. (Das funktioniert eh nicht.)
Es bedeutet, die eigene Menschlichkeit anzuerkennen: Die eigenen Stärken und Fähigkeiten zu sehen und gleichzeitig auch die Fehler, Unsicherheiten und Grenzen zu akzeptieren.
Nicht trotz ihnen, sondern mit ihnen.
Eine Übung: Die Liste deiner positiven Eigenschaften
Diese Übung fühlt sich für viele Menschen zunächst ungewohnt an, manchmal sogar peinlich, aber das ist normal.
Wenn du jahrelang vor allem auf deine Schwächen geachtet hast (um sie zu vermeiden), fühlt sich ein anderer Blick zunächst fremd an.
Frage dich:
- Was mag ich an mir, auch nur ein wenig?
- Welche Werte sind mir wichtig und wie zeigen sie sich in meinem Verhalten?
- Welche Fähigkeiten und Talente habe ich?
- Welche Herausforderungen habe ich gemeistert?
- Was sagen andere, das sie an mir schätzen?
- Wenn jemand, der mich liebt, mich beschreiben würde, was würde er oder sie sagen?
- Welche Eigenschaften, die ich an anderen bewundere, finde ich auch in mir?
Schreibe alles auf, was dir einfällt, auch kleine Dinge zählen.
Wenn eine kritische innere Stimme auftaucht und sagt: “Das zählt nicht”, dann nimm sie wahr und schreibe trotzdem weiter.
Eine zweite Übung: Der positive Tagesrückblick
Notiere am Abend drei Dinge, die du heute getan hast und frage dich: Welche positive Eigenschaft zeigt sich darin?
Zum Beispiel:
“Ich habe eine Freundin angerufen, die gerade eine schwere Zeit hat.”
Darin könnten Fürsorge, Mitgefühl oder Verlässlichkeit sichtbar werden. Mit der Zeit lernt dein Gehirn dadurch, nicht nur Fehler und Defizite wahrzunehmen, sondern auch das, was bereits da ist.
Eigenschaften mit Erinnerungen verbinden
Zu jeder Eigenschaft auf deiner Liste kannst du ein konkretes Beispiel notieren. Also nicht nur:
“Ich bin hilfsbereit.”
Sondern:
“Ich habe meiner Nachbarin geholfen, ihre Einkäufe hochzutragen.”
Denn unser Gehirn lernt besonders gut über konkrete Erfahrungen und aus abstrakten Worten werden dadurch reale Erinnerungen.
Dich selbst gut behandeln
Menschen mit geringem Selbstwert vernachlässigen sich oft unbewusst. Sie gönnen sich wenig Erholung, wenig Freude, wenig Zeit für sich selbst. Manchmal begleitet von dem Gedanken: “Das habe ich mir nicht verdient.”
Doch dieser Gedanke ist Teil des alten Musters und er ist kein objektiver Maßstab.
Beobachte eine Woche lang, wie du deine Zeit verbringst und frage dich bei verschiedenen Aktivitäten:
- Wie viel Freude hat mir das gemacht?
- Habe ich das für mich getan oder "um zu ..."?
Oft entsteht dadurch ein klareres Bild davon, was im eigenen Leben fehlt.
Klein anfangen
Ein häufiger Fehler besteht darin, alles sofort verändern zu wollen. Doch Selbstwert wächst ähnlich wie körperliche Fitness und zwar nur in kleinen, regelmäßigen Schritten.
-> Ein zehnminütiger Spaziergang ist besser als ein unrealistischer Trainingsplan.
-> Eine kleine Pause ist besser als der perfekte Erholungstag, der nie stattfindet.
-> Eine aufgeräumte Schublade ist besser als das Vorhaben, die ganze Wohnung umzukrempeln.
Es geht nicht darum, möglichst viel zu tun, es geht darum, sich selbst überhaupt einen Platz im eigenen Leben zu geben.
Ein letzter Gedanke
Vielleicht bedeutet Loslassen manchmal nicht, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, sondern vielleicht bedeutet es, die ständige Anstrengung loszulassen, jemand sein zu müssen.
Die Kontrolle darüber loszulassen, wie andere uns sehen und stattdessen langsam zu lernen, uns selbst zu sehen.
Mit allem, was da ist.
Denn echte Verbindung entsteht nicht dort, wo wir perfekt wirken, sondern dort, wo wir den Mut haben, echt zu sein.

