Wenn die Zukunft unsicher ist - worauf kannst du dich verlassen?

Veruschka Vollendorf

Die aktuelle politische Situation in Deutschland, globale Krisen und nicht zuletzt die Klimakrise können Unsicherheit und Angst auslösen. Zumal wir auf vieles davon nur sehr bedingt Einfluss haben. Natürlich kann ich wählen gehen oder kann mich politisch engagieren. Ich kann Müll trennen, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad fahren und bewusst einkaufen. Ich kann also immer versuchen, meinen Teil beizutragen, aber gleichzeitig weiß ich: Meine Wirksamkeit hat Grenzen.

Meine einzelne Stimme entscheidet keine Wahl, mein Konsumverhalten löst die Klimakrise nicht und selbst wenn ich alles tue, was mir sinnvoll und richtig erscheint, kann ich nicht verhindern, dass andere Menschen anders handeln.

Dazu kommen die kleinen und großen Herausforderungen des eigenen Lebens. Veränderungen im Job, Konflikte in Beziehungen, finanzielle Sorgen, eine Krankheit, die eigenen Eltern werden älter und Kinder entwickeln sich in eine Richtung, die man nicht vorhersehen kann.

Das alles kann sich unsicher anfühlen - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, also: nicht sicher.

Es kann sich auch hilflos, ohnmächtig oder frustrierend anfühlen und genau deshalb sehnen wir uns so sehr nach Sicherheit im Außen. Wir wünschen uns ein sicheres Land, eine sichere Zukunft, einen sicheren Arbeitsplatz, eine sichere Beziehung. Wir wünschen uns Planbarkeit und Kontrolle. Wir möchten gerne wissen, was auf uns zukommt und sicher sein, dass wir damit umgehen können.


Nur gibt es da ein Problem:


Diese Sicherheit im Außen gibt es nicht


Gab es noch nie.

Und je komplexer, schneller und globaler unsere Welt wird, desto weniger lässt sich tatsächlich kontrollieren. Das bedeutet nicht, dass wir nichts beeinflussen können. Natürlich können wir das. Es gibt Handlungsspielräume, und es ist wichtig, sie wahrzunehmen, zu nutzen und Entscheidungen für sich und sein Leben zu treffen.


„Du musst die Sicherheit in dir finden.“ Diesen Satz hört man häufig.

Das klingt schön und gleichzeitig kann es ziemlich frustrierend sein. Denn wie soll ich Sicherheit in mir finden, wenn ich mich gerade überhaupt nicht sicher fühle? Wenn ich Angst vor dem habe, was kommt? Wenn ich nicht weiß, wie sich die politische Situation entwickelt, wie stark die Auswirkungen der Klimakrise werden oder was in meinem eigenen Leben in einem Jahr anders sein wird?

Ich glaube deshalb, dass es gar nicht darum geht, in sich einen Ort zu finden, an dem man sich immer sicher fühlt (wenn es den überhaupt gibt). Vielleicht geht es vielmehr darum, etwas anderes in sich zu finden: Vertrauen.

Nicht das Vertrauen, dass alles gut wird, sondern das Vertrauen, dass ich mit dem umgehen kann, was kommt.

Und dafür lohnt sich ein Blick zurück.


Was hast du eigentlich schon alles geschafft?


Vermutlich hast du in deinem Leben schon die ein oder andere Krise oder Herausforderung erlebt. Vielleicht gab es Situationen, von denen du irgendwann dachtest: Das schaffe ich nicht. Und dann hast du es doch geschafft.

Vielleicht nicht elegant, vielleicht nicht ohne Angst, vielleicht nicht so, wie du es dir vorher vorgestellt hattest. Aber du bist hindurchgegangen.


Vielleicht gab es einen Abschied, den du nicht wolltest.

Eine Veränderung, die du dir nicht ausgesucht hast.

Eine Beziehung, die zu Ende ging.

Eine berufliche Situation, die dich an deine Grenzen gebracht hat.

Eine Entscheidung, vor der du große Angst hattest.

Oder eine Zeit, in der du einfach funktioniert hast, weil es zunächst gar keine andere Möglichkeit gab.


Und wenn du heute zurückblickst, kannst du  vielleicht etwas Interessantes zu erkennen:

Du hattest damals noch gar nicht alle Fähigkeiten, die du gebraucht hast. Sondern du hast sie unterwegs entwickelt.

Du hast Dinge gelernt, hast Entscheidungen getroffen, hast Hilfe angenommen oder dir selbst geholfen.

Du hast irgendwann gemerkt, was dir guttut und was nicht, du hast Grenzen gesetzt, du hast vielleicht auch mal etwas ausgehalten. Du hast die Kontrolle losgelassen und vor allem hast du dich verändert.

Vielleicht hast du sogar Dinge geschafft, von denen du vorher überhaupt nicht wusstest, dass du sie kannst.

Und genau das trägst du heute in dir.


Deine Erfahrungen sind Ressourcen


Wenn wir über Ressourcen sprechen, denken wir oft an Eigenschaften wie Stärke, Selbstbewusstsein, Durchsetzungsvermögen oder Gelassenheit. Aber Ressourcen sind viel mehr:


Vielleicht bist du jemand, der auch in schwierigen Situationen einen klaren Kopf bewahren kann.

Vielleicht kannst du gut mit anderen Menschen sprechen.

Vielleicht findest du kreative Lösungen.

Vielleicht kannst du dich durchbeißen, wenn es darauf ankommt.

Vielleicht hast du gelernt, irgendwann „Nein“ zu sagen.

Vielleicht kannst du dich an neue Situationen anpassen.

Vielleicht hast du eine gute Intuition.

Oder vielleicht hast du gelernt, dass du nicht alles alleine schaffen musst.


All das sind Ressourcen. Manche davon sind dir wahrscheinlich sehr bewusst, andere nutzt du ganz selbstverständlich und bemerkst sie deshalb kaum.

Deshalb kann es sich lohnen, einmal ganz konkret zurückzuschauen:


Wie bist du durch frühere schwierige Situationen gekommen?

Was hat dir damals geholfen?

Welche Fähigkeiten hast du eingesetzt?

Wer oder was hat dich unterstützt?

Was hast du über dich gelernt?

Und vor allem:

Was kannst du heute, was du vor dieser Erfahrung noch nicht konntest?


Vielleicht stellst du dabei fest, dass du schon sehr viel mehr kannst, als du bei dir selber im Alltag siehst.


Und was ist mit dem, was du noch nie erlebt hast?


Natürlich gibt es Herausforderungen, die wir noch nicht kennen. Wir können nicht wissen, ob wir mit einer zukünftigen Situation tatsächlich gut umgehen werden. Es wäre eine schöne, aber letztlich falsche Sicherheit zu sagen: „Ich habe bisher alles geschafft, also werde ich auch in Zukunft mit allem gut klarkommen.“

Das wissen wir einfach nicht (auch wenn die Wahrscheinlich groß ist, dass es so sein wird).

Es kann gut sein, dass es Situationen geben wird, die uns überfordern. Vielleicht werden wir Entscheidungen treffen, die sich im Nachhinein als falsch herausstellen. Oder wir werden wir eine Zeit lang überhaupt nicht wissen, wie es weitergeht. Aber auch das muss nicht bedeuten, dass wir komplett hilflos sind, denn wir bringen nicht nur unsere bisherigen Erfahrungen mit, sondern wir bringen auch die Fähigkeit mit, Neues zu lernen.

Du musst heute noch nicht wissen, wie du mit einer Situation umgehen wirst, die erst in zwei Jahren entsteht und du musst heute noch nicht wissen, welche Entscheidung du treffen wirst, wenn sich die Umstände verändern.

Vielleicht reicht zunächst die Erkenntnis:

Ich kann lernen, ich kann mich anpassen, ich kann Unterstützung suchen, ich kann neue Wege ausprobieren und ich kann Entscheidungen korrigieren.


Und vielleicht ist genau das eine viel realistischere Form von Zuversicht und Vertrauen.


Vertrauen bedeutet nicht, keine Angst zu haben


Ich glaube, Vertrauen bedeutet: Ich habe Angst - und gehe trotzdem weiter.

Auch wenn ich nicht weiß, was kommt, kann ich immer die Entwicklung beobachten, reagieren und Entscheidungen treffen. Dabei kann ich nicht verhindern, dass Dinge passieren (auch eigene Fehler), aber ich kann darauf vertrauen, dass ich ihnen nicht völlig ohne Möglichkeiten gegenüberstehe.


Das ist keine Garantie, aber es ist eine andere innere Haltung und vielleicht verändert genau diese Haltung den Blick auf die Zukunft. Denn wenn ich glaube, dass ich nur dann sicher bin, wenn ich weiß, was kommt und es kontrollieren kann, wird eine unsichere Zukunft zwangsläufig bedrohlich. Wenn ich dagegen glaube, dass ich auch mit Unsicherheit umgehen kann, muss die Zukunft nicht plötzlich sicher werden, damit ich mit ihr umgehen kann.


Was kannst du heute tun?


Vielleicht hilft dabei auch eine ganz konkrete Unterscheidung:

  • Was liegt in meiner Kontrolle?
  • Was kann ich beeinflussen?
  • Und was liegt außerhalb meines Einflusses?


Die Grenzen zwischen diesen drei Bereichen sind nicht immer eindeutig. Aber allein die Frage kann helfen, die eigene Aufmerksamkeit wieder dorthin zu lenken, wo sie tatsächlich etwas bewirken kann.

Ich kann nicht entscheiden, wie eine Wahl ausgeht, aber ich kann wählen gehen. Ich kann nicht die Klimakrise alleine lösen, aber ich kann entscheiden, was meine Werten entspricht, wie ich leben und handeln möchte. Ich kann nicht kontrollieren, welche Entscheidungen andere Menschen treffen, aber ich kann entscheiden, wie ich darauf reagiere und welche Grenzen ich setze.

Ich kann nicht verhindern, dass sich mein Leben verändert, aber ich kann lernen, mit Veränderungen umzugehen.


Die Zukunft bleibt unsicher


Ich bin überzeugt, dass das sogar die Zumutung, die wir aushalten müssen, denn wir werden nie genau wissen, was kommt.

Es wird keine hundertprozentige Sicherheit geben, keine Garantie, dass alles gut geht und keine Möglichkeit, alle Risiken auszuschließen.

Aber vielleicht brauchen wir diese Garantie auch nicht. Vielleicht brauchen wir stattdessen etwas, das weniger spektakulär ist und gleichzeitig viel tragfähiger: das Vertrauen, dass wir uns selbst nicht verlieren, wenn sich etwas verändert.

Und dass wir nicht heute schon wissen müssen, wie wir eine zukünftige Herausforderung bewältigen werden, sondern wir dürfen darauf vertrauen, dass wir dann mit den Möglichkeiten arbeiten werden, die uns zur Verfügung stehen.


Wir können die Zukunft nicht kontrollieren.

Wir können nicht verhindern, dass uns Dinge verunsichern, Angst machen oder überfordern.

Aber wir können immer wieder entscheiden, wie wir damit umgehen wollen.