Wo kann ich noch entscheiden? Über Handlungsspielräume, Selbstwirksamkeit und das Gefühl, nicht nur auszuführen

Veruschka Vollendorf

Wir leben in einer Zeit, in der vieles größer geworden ist als wir selbst.

Krisen, politische Entwicklungen, Kriege, wirtschaftliche Unsicherheiten und die Klimakrise erreichen uns täglich. Über Nachrichten, soziale Medien und Gespräche sind wir mit Entwicklungen konfrontiert, die unser Leben beeinflussen, auf die wir selbst aber nur sehr begrenzt Einfluss nehmen können.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl. Du möchtest etwas verändern, möchtest verantwortlich handeln, möchtest etwas beitragen und stellst gleichzeitig fest, dass dein eigener Einfluss erstaunlich klein ist.

Nehmen wir die Klimakrise. Du kannst bewusster konsumieren, weniger fliegen, nachhaltiger leben und dir überlegen, welche Entscheidungen du im Alltag treffen kannst. Das alles ist sinnvoll und trotzdem weißt du, dass dein persönlicher Beitrag im Verhältnis zur Größe des Problems nur einen kleinen Unterschied macht.


Das kann auf Dauer ein Gefühl von Ohnmacht entstehen lassen und genau deshalb ist es so wichtig, sich mit einer anderen Frage zu beschäftigen:

Wo kann ich tatsächlich etwas entscheiden und gestalten?


Denn wir Menschen brauchen nicht nur Sicherheit und Orientierung. Wir brauchen auch die Erfahrung, dass unser Handeln etwas bewirken kann.


Wir wollen nicht nur handeln, wir wollen uns als wirksam erleben


In der Psychologie sprechen wir von Selbstwirksamkeit.

Damit ist vereinfacht gesagt das Vertrauen gemeint, mit dem eigenen Handeln etwas bewirken und Herausforderungen beeinflussen zu können. Dabei geht es nicht darum, alles kontrollieren zu können, im Gegenteil, Selbstwirksamkeit entsteht gerade dann, wenn wir unterscheiden lernen, was wir beeinflussen können und was nicht.


Unser Gehirn verarbeitet die Erfahrung, dass wir etwas entscheiden und dadurch eine Wirkung erzielen, als etwas sehr anderes als die Erfahrung, dass wir lediglich auf äußere Vorgaben reagieren. Wenn ich also immer wieder erlebe, dass ich entscheiden kann, dass ich etwas ausprobieren darf, dass mein Verhalten eine Wirkung hat, entsteht nach und nach ein Gefühl von Kompetenz und Handlungssicherheit.

Wenn ich dagegen immer wieder erlebe, dass andere entscheiden, Regeln vorgeben und ich lediglich ausführe, kann sich etwas verändern:

Ich werde passiver, ich gewöhne mich daran, nicht mehr selbst zu entscheiden und irgendwann frage ich vielleicht gar nicht mehr, was ich eigentlich möchte oder was möglich wäre.

Ich frage nur noch: Was muss ich tun?


Sicherheit ist wichtig, aber sie kann uns auch einengen


Das macht die Sache so interessant, denn Regeln und Strukturen sind grundsätzlich etwas Gutes. Sie geben Orientierung, sie schaffen Verlässlichkeit und sie reduzieren Komplexität. Wir müssen nicht jeden Tag neu darüber entscheiden, auf welcher Straßenseite wir fahren oder welche Abläufe in einem bestimmten Zusammenhang gelten. Unser Gehirn liebt das, weil es dadurch Energie sparen kann. Wenn etwas klar geregelt ist, muss es nicht jedes Mal neu abwägen.


Problematisch wird es dort, wo eine Regel nicht mehr Orientierung gibt, sondern eigenes Denken ersetzt.

Wo wir nicht mehr fragen: Was ist in dieser konkreten Situation sinnvoll?

Sondern nur noch: Was ist vorgeschrieben?


Das ist ein großer Unterschied. Denn in dem Moment, in dem wir nur noch Vorgaben ausführen, geben wir auch einen Teil unserer eigenen Urteilskraft und Handlungsfähigkeit ab.


Manchmal braucht eine Situation fünf Minuten mehr


Vielleicht kennst du das aus deinem Alltag. Du hast mit jemandem einen Termin für sechzig Minuten vereinbart. Kurz vor dem Ende merkst du, dass ihr eigentlich noch fünf Minuten braucht, damit etwas wirklich abgeschlossen werden kann. Natürlich gibt es eine Regel, sechzig Minuten sind sechzig Minuten. Aber es gibt möglicherweise auch einen Handlungsspielraum.

Du könntest sagen: „Unsere Zeit ist um.“

Oder du könntest bewusst entscheiden: „Wir nehmen uns noch diese fünf Minuten, damit wir zu einem guten Abschluss kommen.“

Beides ist möglich.

Der entscheidende Punkt ist nicht einmal, welche Entscheidung du triffst. Der entscheidende Punkt ist, dass du überhaupt wahrnimmst, dass du entscheiden kannst.


Denn du bist nicht nur diejenige, die eine Zeitvorgabe ausführt. Du kannst die Situation betrachten, abwägen und entscheiden, was in diesem Moment sinnvoll ist. Das ist ein kleiner Moment von Selbstbestimmung.

Und vielleicht denkst du jetzt, dass fünf Minuten ja wirklich nicht viel sind und dass das nur eine Kleinigkeit ist. Das stimmt.

Aber Selbstwirksamkeit entsteht nicht erst bei den großen Entscheidungen unseres Lebens, sie entsteht auch in diesen kleinen Alltagserfahrungen.

  • Ich kann entscheiden.
  • Ich kann abwägen.
  • Ich kann gestalten.
  • Mein Handeln hat eine Wirkung.


Wenn aus Regeln starre Grenzen werden


Im Alltag erleben wir manchmal das Gegenteil. Eine Regel ist wichtiger als die konkrete Situation, ein Anliegen wird abgewiesen, weil es nicht in den vorgesehenen Ablauf passt. Ein Mitarbeiter darf keine Entscheidung treffen, obwohl sie eigentlich sinnvoll wäre. Eine Kundin bekommt keine Lösung, obwohl offensichtlich wäre, dass ein kleiner Spielraum das Problem lösen könnte.

Und am Ende sind häufig alle Beteiligten frustriert: Die Person, die Hilfe gebraucht hätte und genauso die Person, die eigentlich gerne geholfen hätte, aber nicht durfte.

Regeln sollten uns Sicherheit geben. Wenn sie aber keinen Spielraum mehr zulassen, können sie genau das Gegenteil bewirken. Dann wird aus Schutz Stillstand, aus Orientierung wird Starrheit und aus Verlässlichkeit kann das Gefühl entstehen, ausgeliefert und handlungsunfähig zu sein.

Das bedeutet nicht, dass wir Regeln abschaffen sollten, es bedeutet vielmehr, dass wir wieder lernen dürfen, zwischen Regel und Urteil zu unterscheiden. Eine Regel kann Orientierung geben, die Entscheidung, wie sie in einer konkreten Situation sinnvoll angewendet wird, braucht manchmal menschliches Ermessen.


Menschlichkeit braucht Spielraum


Vielleicht ist das auch ein Grund, warum wir Begriffe wie Kulanz oder Hands on Mentalität so positiv erleben. Sie beschreiben letztlich etwas sehr Menschliches. Da sieht jemand nicht nur die Vorschrift, sondern auch den Menschen. Da wird nicht ausschließlich gefragt, was formal möglich ist, sondern auch, was in dieser konkreten Situation sinnvoll wäre.

Dafür braucht es Urteilskraft, Vertrauen und Fingerspitzengefühl.

Denn wenn Menschen Handlungsspielräume haben, müssen sie diese auch verantwortungsvoll nutzen können. Das gilt im beruflichen Umfeld genauso wie in unserem privaten Leben.

Vielleicht ist es deshalb gar nicht immer die beste Lösung, noch mehr Regeln aufzustellen, vielleicht brauchen wir manchmal mehr Spielräume, um selbst zu denken, abzuwägen und Entscheidungen treffen zu können.


Vielleicht magst du dich an dieser Stelle mal fragen, wo du in deinem eigenen Leben eigentlich noch Handlungsspielräume hast. Denn wenn wir uns ohnmächtig oder abhängig fühlen, schauen wir häufig zuerst auf das, was wir nicht verändern können.

  • Wir können die politische Situation nicht kontrollieren.
  • Wir können nicht verhindern, dass andere Menschen Entscheidungen treffen.
  • Wir können nicht dafür sorgen, dass sich bestimmte Menschen verändern.
  • Wir können nicht die großen Krisen dieser Welt alleine lösen.


Das alles stimmt. Aber daraus folgt nicht, dass wir gar keinen Einfluss haben.


Also was liegt tatsächlich in deiner Hand?

Vielleicht ist es nicht die große Veränderung, vielleicht ist es eine kleine Entscheidung.

Ein Gespräch, das du bisher vermieden hast.

Eine Grenze, die du setzt.

Eine Aufgabe, die du anders angehst.

Eine Bitte, die du aussprichst.

Ein „Nein“, obwohl du bisher immer zugestimmt hast.

Oder auch ein „Ja“, weil du merkst, dass du etwas wirklich möchtest.

Vielleicht entscheidest du dich, eine Regel nicht einfach unhinterfragt zu übernehmen, sondern du fragst dich:

Was würde ich entscheiden, wenn ich davon ausgehe, dass ich einen Handlungsspielraum habe?


Selbstwirksamkeit bedeutet nicht, alles kontrollieren zu können


Ein wichtiger Gedanke dabei ist mir besonders wichtig. Selbstwirksamkeit bedeutet nicht Kontrolle. Du musst nicht dafür sorgen, dass alles so läuft, wie du es möchtest, du musst auch nicht aus jeder Situation das Beste machen und du bist nicht verantwortlich für Dinge, die tatsächlich außerhalb deines Einflussbereichs liegen. Das wäre keine Selbstwirksamkeit, sondern eine neue Form von Überforderung. Selbstwirksamkeit bedeutet vielmehr, die eigenen Einflussmöglichkeiten realistisch wahrzunehmen.

Nicht mehr, als tatsächlich da ist, aber eben auch nicht weniger.


Vielleicht hilft dir dafür eine einfache Unterscheidung:

Was kann ich nicht beeinflussen?

Was kann ich beeinflussen?

Und wo gibt es vielleicht einen kleinen Spielraum, den ich bisher übersehen habe?


Gerade die dritte Frage kann interessant sein, denn manchmal denken wir in einem Entweder-Oder:

Entweder ich kann die Situation verändern oder ich bin ihr ausgeliefert. Dazwischen liegt aber oft ein erstaunlich großer Bereich. Vielleicht kann ich nicht verändern, was passiert, aber ich kann entscheiden, wie ich damit umgehe.

Vielleicht kann ich nicht beeinflussen, was jemand anderes denkt, aber ich kann entscheiden, wie viel Raum ich diesen Gedanken in meinem Leben gebe.

Vielleicht kann ich die äußeren Bedingungen nicht verändern, aber ich kann entscheiden, welche Grenze ich setze, welche Priorität ich wähle oder welchen nächsten Schritt ich gehe.


Deinen Handlungsspielraum wieder wahrnehmen


Wenn du dich gerade häufig ohnmächtig oder ausgeliefert fühlst, musst du deshalb nicht sofort dein ganzes Leben verändern.

Vielleicht beginnst du kleiner.

Beobachte im Alltag einmal Situationen, in denen du automatisch denkst:

„Das geht nicht.“

„Das darf ich nicht.“

„Das muss eben so sein.“

„Dafür kann ich nichts machen.“

Und frage dich dann: Ist das wirklich so?


Manchmal lautet die Antwort eindeutig ja. Dann ist es entlastend, das anzuerkennen. Aber manchmal kann man bei genauerem Hinsehen einen kleinen Spielraum entdecken. Und vielleicht ist genau dieser kleine Spielraum der Ort, an dem du wieder anfangen kannst, dich als handlungsfähig zu erleben. Nicht, weil du dadurch die Welt kontrollieren kannst, sondern weil du dich selbst wieder als jemanden erlebst, der Einfluss nehmen kann.


Vielleicht geht es genau darum


Wir werden die großen Krisen dieser Welt nicht dadurch lösen, dass wir uns einreden, alles selbst in der Hand zu haben. Und wir werden auch nicht dadurch freier, dass wir jede Regel ablehnen. Wir brauchen Strukturen, wir brauchen Orientierung und wir brauchen Verlässlichkeit.

Aber wir brauchen ebenso die Erfahrung, dass wir innerhalb dieser Strukturen gestalten können:

Dass wir nicht nur Ausführende sind.

Dass wir nicht überall warten müssen, bis jemand anderes entscheidet.

Dass wir uns fragen dürfen:

  • Was ist meine Entscheidung?
  • Wo habe ich Einfluss?
  • Wo kann ich meinen Handlungsspielraum erweitern?


Und genau da liegt ein Stück Freiheit. Nicht darin, dass uns niemand mehr Grenzen setzt, sondern darin, dass wir innerhalb unserer Grenzen wieder wahrnehmen, wo wir selbst gestalten können.

Und vielleicht ist das gerade in einer Welt, die uns an vielen Stellen das Gefühl geben kann, klein und machtlos zu sein, besonders wichtig.

Wir können nicht alles verändern, aber wir müssen auch nicht alles hinnehmen.

Manchmal beginnt Selbstwirksamkeit mit einer sehr kleinen Frage:

„Was kann ich hier selbst entscheiden?“