Warum Kinder unsere Gefühle sehen dürfen, aber nicht tragen müssen

Dürfen Kinder wissen, dass ihr Verhalten uns traurig oder wütend macht? Oder laden wir ihnen damit eine Verantwortung auf, die sie noch gar nicht tragen können. Wie können wir unsere eigenen Gefühle zeigen, ohne Kinder in eine Rolle zu bringen, die sie überfordert? Und wie passen Selbstregulation, Co Regulation und Empathieentwicklung in diesen frühen Jahren eigentlich zusammen?
Diese Fragen tauchen bei vielen Eltern auf, besonders bei denen, die sich intensiv mit emotionaler Entwicklung, Selbstregulation und Verantwortung beschäftigen. Und sie ist berechtigt. Denn auf den ersten Blick scheint hier ein Widerspruch zu liegen. Einerseits hören wir im Coaching und in der Erwachsenenarbeit, dass wir nicht für die Gefühle anderer verantwortlich sind. Andererseits erleben wir im Familienalltag Situationen, in denen kleine Kinder uns schlagen, Dinge werfen oder zerstören, uns anschreien oder nicht hören. Und natürlich macht das etwas mit uns.


Wichtig ist zuerst eine klare Unterscheidung. Die Haltung, dass jeder Mensch für seine Gefühle selbst verantwortlich ist, stammt aus dem Kontext von Beziehungen zwischen Erwachsenen. Dort treffen zwei Nervensysteme aufeinander, die grundsätzlich selbstregulationsfähig sind. Beide können innehalten, reflektieren, Verantwortung übernehmen, sich selbst beruhigen oder Hilfe einfordern. Diese Annahme gilt für kleine Kinder noch nicht.


Ein zwei oder fünf Jahre altes Kind hat kein ausgereiftes Regulationssystem. Der präfrontale Kortex, also der Teil des Gehirns, der Impulse hemmt, Gefühle einordnet und Handlungen steuert, ist noch im Aufbau. In starken emotionalen Zuständen wird er regelrecht vom limbischen System überflutet. Das Kind ist dann nicht uneinsichtig oder respektlos, sondern neurologisch überfordert. Schlagen, werfen oder schreien sind in diesen Momenten keine bewussten Entscheidungen, sondern Ausdruck eines Nervensystems, das keinen anderen Ausweg findet.


Kinder brauchen in solchen Situationen Erwachsene, die reguliert bleiben oder zumindest handlungsfähig. Sie brauchen Schutz, klare Grenzen und vor allem Co-Regulation. Sie brauchen jemanden, der sagt, "hier ist Stopp, ich passe auf dich auf und ich passe auf mich auf".


Vor diesem Hintergrund ist es nicht grundsätzlich falsch, Kindern zu zeigen, dass auch Erwachsene Gefühle haben. Im Gegenteil. Kinder dürfen erleben, dass Gefühle zum Menschsein dazugehören und dass Verhalten Auswirkungen hat. Das ist Teil von Beziehungslernen. Wichtig ist jedoch zu wissen, wie Kinder diese Informationen verarbeiten können.


Echte Empathie, also die Fähigkeit, sich innerlich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen und dessen Gefühl als eigenes mitzuerleben, entwickelt sich relativ spät. Neuropsychologisch reift diese Fähigkeit erst allmählich und ist frühestens zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr verlässlich verfügbar. Davor können Kinder Gefühle bei anderen zwar wahrnehmen, sie können benennen lernen, dass jemand traurig oder wütend ist, sie können auch darauf hingewiesen werden, wie es anderen geht. Was sie aber noch nicht können, ist diese Gefühle innerlich mitzutragen oder daraus selbstständig verantwortliches Handeln abzuleiten.


Das bedeutet, dass Empathie in den frühen Jahren nicht vorausgesetzt werden kann. Sie muss immer wieder von außen angeregt werden, durch Worte, durch Vorleben, durch ruhige Hinweise. Zum Beispiel, "das hat mir wehgetan", oder, "jetzt ist der Becher kaputtgegangen". Das ist eine Einladung zum Wahrnehmen, kein Appell an Verantwortung.


Genau hier wird die innere Haltung der Erwachsenen entscheidend. Wenn Kinder in einem überforderten Zustand hören, das macht mich traurig oder jetzt bin ich enttäuscht, kann das ungewollt eine Last erzeugen. Nicht, weil Gefühle benannt werden, sondern weil Kinder diese Aussagen leicht als Auftrag verstehen. Das Kind erlebt sich dann als Ursache für den emotionalen Zustand der Eltern und fühlt sich verantwortlich, obwohl es diese Verantwortung weder tragen kann noch tragen sollte. Besonders sensible Kinder reagieren darauf oft mit Schuld, Anpassung oder dem Versuch, die Stimmung der Erwachsenen zu regulieren.


Empathie entsteht also nicht dadurch, dass Kinder sich verantwortlich fühlen für die Gefühle der Eltern. Empathie entsteht durch Beziehung, durch Vorleben, durch Sicherheit. Kinder lernen Mitgefühl, wenn sie erleben, dass Gefühle benannt werden können, dass Grenzen klar sind und dass Erwachsene für sich selbst sorgen.


Hilfreich ist deshalb eine Sprache, die Gefühle sichtbar macht, aber die Verantwortung klar bei den Erwachsenen lässt. Zum Beispiel "das tut mir weh, ich lasse mich nicht hauen". Oder "ich bin gerade wütend, ich brauche jetzt einen kurzen Moment und dann bin ich wieder bei dir". Oder auch "ich sehe, du bist ganz außer dir, das verstehe ich".


So lernt das Kind mehrere Dinge gleichzeitig. Gefühle dürfen da sein. Grenzen sind klar. Erwachsene bleiben handlungsfähig. Und niemand muss für das innere Gleichgewicht eines anderen Menschen zuständig sein.


In akuten Eskalationsmomenten ist es übrigens völlig normal, dass Worte kaum ankommen. Das Gehirn des Kindes ist dann nicht im Lernmodus, sondern im Überlebensmodus. In diesen Momenten geht es nicht um Einsicht oder Empathie, sondern um Schutz und Regulation.
Also:
Körperlich da sein, ruhig stoppen, den Raum sichern, Nähe anbieten oder Abstand halten, je nachdem, was das Kind braucht.


Die eigentliche emotionale Lernarbeit passiert später und in ruhigen Momenten. Wenn das Nervensystem wieder im Gleichgewicht ist. Dann kann man gemeinsam zurückschauen und Worte finden: "Du warst vorhin sehr wütend und ich habe gemerkt, dass das schwer für dich war. Wichtig ist, dass in solchen Situationen niemand verletzt wird." Und später, wenn das Kind reifer ist, kann auch Raum entstehen für die Frage, wie es anderen damit ging.


Ein entlastender Gedanke zum Schluss.


Du machst deinem Kind keinen Schaden, wenn es sieht, dass du Gefühle hast. Und du nimmst ihm keine Empathiefähigkeit, wenn du deine Gefühle klar und verantwortungsvoll hältst. Im Gegenteil. Du zeigst ihm, wie es eines Tages selbst gehen kann. Gefühle wahrnehmen, Grenzen setzen, für sich sorgen. Genau das ist Selbstregulation, die ein Kind nicht durch Erklärungen lernt, sondern durch gelebte Beziehung.



© Veruschka Vollendorf, 28.01.2026