Wenn alles zu viel wird
Veruschka Vollendorf
Überforderung ist kein Versagen, sondern zu viele offene Tabs im Kopf
Der Alltag fordert etwas von dir, eine Entscheidung steht an, vielleicht meldet sich noch ein ungutes Gefühl aus einer Beziehung, eine Aufgabe im Beruf wartet, der Haushalt ist nicht fertig und parallel kreisen Gedanken darum, was du alles schon längst hättest erledigen müssen. Und alles fühlt sich gleich wichtig an.
Es ist so, als wären in deinem Kopf zu viele Tabs gleichzeitig offen. Aus jedem kommt ein anderes Signal, jeder fordert Aufmerksamkeit und alles scheint gleichzeitig dringend.
In solchen Momenten glauben viele Menschen, sie müssten nur noch schneller werden. Noch effizienter denken, sofort Lösungen finden, alles rasch abarbeiten. Dahinter steckt die Hoffnung, dass dann endlich Ruhe einkehrt.
Psychologisch passiert jedoch oft genau das Gegenteil.
Wenn Überforderung entsteht, ist der emotionale Bereich im Gehirn stark aktiviert. Das Nervensystem registriert innere und äußere Anforderungen als etwas, das sofort gelöst werden muss. Der Körper geht in Alarmbereitschaft, Stresshormone steigen, die innere Anspannung nimmt zu.
Das Problem ist, dass in genau diesem Zustand klares Denken schwerer wird.
Der Bereich im Gehirn, der für Einordnung, Priorisierung und vorausschauende Entscheidungen zuständig ist, kann unter Stress deutlich schlechter arbeiten. Plötzlich fühlt sich alles gleich wichtig an und das wirklich Dringende lässt sich kaum noch von dem unterscheiden, was eigentlich warten könnte.
Dann kommt direkt der Gedanke: "Ich bin überfordert."
Dieser Satz beschreibt zwar das Gefühl, verstärkt aber oft unbewusst die Ohnmacht. Aus einem vorübergehenden Zustand wird oft schnell ein Selbstbild. Und zwar in der Regel kein besonders positives, sondern ein "ich bekomme das nicht hin" oder "ich bin nicht gut genug".
Lass uns mal gemeinsam einen anderen Blick darauf werfen
Nicht: Ich bin überfordert.
Sondern:
Mein System ist gerade im Alarmmodus und es fällt mir deshalb schwer, zu sortieren.
"Was ist in diesem Moment denn wirklich das Wichtigste?"
Allein diese Frage verändert bereits etwas im Gehirn.
Du verlässt für einen Moment den reinen Alarm und aktivierst wieder den Bereich, der ordnen, unterscheiden und entscheiden kann. Es geht nicht darum, sofort alles zu lösen, es geht darum, wieder Richtung zu finden.
Oft hilft dann ein sehr einfacher nächster Schritt
Frag dich: "Was brauche ich genau jetzt?"
Ist es eine Pause, ein Glas Wasser, ein Gespräch, ein Zettel für Gedanken, eine Entscheidung, was heute nicht mehr dran ist?
Überforderung löst sich selten dadurch, dass wir alles gleichzeitig angehen. Sie wird leichter, wenn wir innehalten und erstmal Komplexität reduzieren.
Eine Priorität.
Eine Entscheidung.
Ein nächster Schritt.
Mehr braucht dein Gehirn in diesem Moment oft gar nicht.
Langsamer zu werden ist dabei kein Rückschritt, sondern es ist der Weg zurück zu innerer Ordnung.
Viele Menschen haben gelernt, Stress mit noch mehr Tempo zu beantworten. Doch das Nervensystem findet Sicherheit nicht in Geschwindigkeit, sondern in Orientierung.
Wenn du dir erlaubst, kurz innezuhalten und bewusst zu wählen, was jetzt wirklich zählt, weicht die Verzweiflung oft einer spürbaren Erleichterung.
Nicht, weil schon alles gelöst ist.
Sondern weil wieder klar ist, wo du anfangen kannst.
Und genau darin entsteht Ruhe, Schritt für Schritt.

