Vielleicht besteht Entwicklung nicht darin, endlich die eine Antwort zu finden. Vielleicht besteht sie darin, immer besser mit den Fragen zu leben, die das Leben uns stellt.

Veruschka Vollendorf

Wenn ich heute auf die letzten Jahre zurückblicke, gibt es etwas, das mich immer wieder beschäftigt. Ich habe eine Zeit lang sehr intensiv nach Antworten gesucht. Und wenn ich ehrlich bin, eigentlich nach der EINEN Lösung. Nach dem einen Schlüssel, der endlich alles verständlich macht und die Dinge dauerhaft verändern würde. Nach Erklärungen dafür, warum manche Dinge in meinem Leben immer wieder passiert sind, warum ich bestimmte Muster nicht durchbrechen konnte und was ich tun musste, damit sich endlich etwas verändert. Auf dieser Suche bin ich irgendwann in der Welt der Spiritualität gelandet.


Und bevor ich weiterschreibe, ist mir eines wichtig:
Ich bereue diesen Weg nicht. Im Gegenteil. Und ich ver- oder beurteile niemand, der diesen Weg für sich gewählt hat.


Ich habe dort Menschen kennengelernt, die mich inspiriert haben, ich habe mich mit Themen beschäftigt, die mich näher zu mir selbst gebracht haben und ich habe vor allem gelernt, meine Gefühle bewusster wahrzunehmen, Verantwortung für mich zu übernehmen und mich mit Fragen auseinanderzusetzen, die ich mir vorher nie gestellt hätte.

Das alles war wirklich wertvoll.

Und trotzdem kam irgendwann ein Punkt, an dem ich merkte, dass ich mich im Kreis drehte. Ich las das nächste Buch, hörte den nächsten Podcast, buchte den nächsten Kurs und lernte die nächste Methode kennen. Immer mit der Hoffnung, dass diesmal der entscheidende Schlüssel dabei sein würde, die Methode, nach der endlich alles leichter werden würde.


Dass ich nur noch den richtigen Glaubenssatz finden müsste.
Die eine Blockade lösen.
Die eine Erkenntnis gewinnen.
Dann würde sich alles verändern und ich hätte endlich für immer ein erfülltes Leben.


Doch genau das passierte nicht


Heute glaube ich, dass viele dieser Ansätze einen wahren Kern haben. Das Problem ist aus meiner Sicht nicht, dass diese Gedanken grundsätzlich falsch wären. Das Problem entsteht dort, wo sie zur Antwort auf alles werden. Wo sie versprechen, dass wir nur noch den richtigen Hebel finden müssen und dann verschwinden alle unsere Schwierigkeiten. Plötzlich scheint jede Herausforderung nur noch eine Frage der Energie zu sein, jede schwierige Beziehung ein Spiegel, jede Krise eine Botschaft des Universums und jede Unsicherheit ein ungelöster Glaubenssatz.


Und irgendwann fiel mir auf, dass ich zwar unglaublich viel über mich nachdachte,  mein Leben sich aber viel weniger veränderte, als ich gehofft hatte. Rückblickend würde ich sagen:
Ich suchte nach einfachen Erklärungen für komplexe Zusammenhänge. Nicht, weil ich naiv war, sondern weil ich mir so sehr gewünscht habe, dass es diese eine Lösung tatsächlich gibt. Einen Weg, auf dem das Leben endlich leichter wird. Einen Punkt, an dem ich sagen kann: Jetzt habe ich es geschafft.


Dass jemand sagt: “Mach genau das - und dann wird alles gut.”


Heute glaube ich, dass genau diese Sehnsucht uns manchmal in die Irre führt. Nicht nur in der Spiritualität, sondern wir begegnen ihr überall. Immer wieder verspricht uns jemand, die eine Methode, die eine Wahrheit oder den einen richtigen Weg zu kennen. Dabei ist das Leben selten so einfach.


Heute sehe ich vieles differenzierter


Ich glaube nicht mehr daran, dass es die eine Methode gibt, die alles löst. Ich glaube auch nicht mehr, dass wir jede Schwierigkeit sofort verstehen oder jedem Schmerz einen höheren Sinn geben müssen.

Manche Dinge brauchen Zeit. Manche Herausforderungen verschwinden nicht, sondern verändern nur ihre Gestalt. Und vielleicht besteht persönliche Entwicklung gar nicht darin, irgendwann keine Probleme mehr zu haben, sondern darin, anders mit ihnen umzugehen.  Veränderungen entstehen nicht durch eine einzige Erkenntnis, sondern durch viele kleine Schritte, die sich am Anfang vielleicht ungewohnt oder sogar unangenehm anfühlen. Und manchmal hilft uns weniger die nächste Methode als die Bereitschaft, der Realität ehrlich zu begegnen.


Das bedeutet nicht, dass Spiritualität keinen Platz mehr in meinem Leben hat. Im Gegenteil.

Es gibt Gedanken und Erfahrungen, die mich bis heute begleiten. Aber ich halte inzwischen Abstand von allem, was einfache Antworten auf komplexe Fragen verspricht, ganz gleich, aus welcher Richtung diese Antworten kommen.


Denn genau das habe ich auf meinem Weg gelernt:

Nicht jede Antwort, die sich gut anfühlt, bringt uns wirklich weiter.

Und nicht jeder Umweg ist tatsächlich einer. Ich glaube heute sogar, dass ich genau diesen Weg gehen musste. Nicht, weil dort alle Antworten lagen, sondern weil ich dort gelernt habe, weiterzusuchen.


Heute interessiert mich weniger, wer die überzeugendste Antwort hat. Mich interessiert vielmehr, was Menschen langfristig wirklich hilft, auch dann, wenn das Leben schwierig bleibt.