Neujahrsvorsätze scheitern nicht, sie überfordern
Veruschka Vollendorf
Zum Jahresanfang tauchen sie zuverlässig auf, die Neujahrsvorsätze. Mehr Sport, weniger Essen, gelassener reagieren, endlich Grenzen setzen, weniger arbeiten, mehr bei sich sein. Für einen kurzen Moment fühlt sich das oft gut an. Wie ein inneres Aufräumen, ein Neubeginn. Und doch erleben viele Menschen nach einigen Wochen ein vertrautes Gefühl von Scheitern, Frustration oder Selbstvorwurf.
Aus psychologischer Sicht ist genau das oft gut erklärbar.
Die meisten Neujahrsvorsätze setzen auf der obersten Ebene an, beim sichtbaren Verhalten. Sie richten sich an Disziplin, Willenskraft und Kontrolle. Genau dort liegt jedoch selten die eigentliche Ursache. Verhalten ist fast immer das Ergebnis tieferliegender Prozesse, körperlicher Zustände, emotionaler Erfahrungen, alter Beziehungsmuster und erlernter Schutzstrategien. Wenn diese Ebenen nicht miteinbezogen werden, reagiert das innere System nicht mit Kooperation, sondern mit Widerstand.
Ein klassisches Beispiel ist der Vorsatz, mehr Sport zu machen. Auf der Verhaltensebene klingt das einfach. Doch vielleicht war der Feierabend bisher die einzige Phase des Tages, in der der Körper wirklich herunterfahren konnte. Vielleicht steht Sport innerlich für Leistung, Druck oder Vergleiche. Vielleicht ist der Körper bereits chronisch überlastet. Dann erlebt das Nervensystem den Vorsatz nicht als etwas Gutes, sondern als zusätzliche Anforderung. Ähnlich beim Vorsatz, weniger Schokolade zu essen. Wenn Süßes bisher ein verlässlicher Moment von Beruhigung, Trost oder kurzer Pause war, wird der Verzicht innerlich als Verlust erlebt. Der Widerstand entsteht nicht aus Unvernunft, sondern aus Selbstschutz.
Gleichzeitig ist unser Gehirn kein Veränderungsfan. Es ist in erster Linie ein Vorhersageorgan. Es versucht, die Welt berechenbar zu halten, um Energie zu sparen und Sicherheit zu gewährleisten. Veränderung bedeutet Ungewissheit. Und Ungewissheit aktiviert das innere Alarmsystem. Auch dann, wenn die Veränderung objektiv sinnvoll erscheint.
Das erklärt, warum selbst scheinbar kleine Veränderungen wie mehr Bewegung innerlich als groß erlebt werden können. Mehr Sport bedeutet oft mehr als nur Bewegung. Es verändert Tagesabläufe, Routinen, Körperempfindungen, vielleicht sogar das Selbstbild. Das Gehirn fragt unbewusst, ist das sicher?, ist das kalkulierbar?, was passiert, wenn ich es nicht schaffe? Ein Vorsatz wie „ab jetzt mache ich alles anders“ wird neurobiologisch nicht als Motivation gelesen, sondern als potenzielle Gefahr. Das Nervensystem zieht die Handbremse, meist unbemerkt. Scheitern ist deshalb kein mangelnder Charakter, sondern eine logische Reaktion eines Systems, das Stabilität sichern will.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der häufig übersehen wird und aus meiner Sicht zentral ist. Viele Verhaltensweisen, die wir verändern möchten, hatten oder haben eine wichtige Funktion. Essen reguliert innere Spannungszustände. Rückzug schützt vor Überforderung. Kontrolle schafft Stabilität. Anpassung sichert Beziehung. Diese Strategien sind im Nervensystem fest verankert, oft seit früher Zeit.
Wenn jemand sich also vornimmt, weniger Schokolade zu essen, ohne zu verstehen, dass sie bisher geholfen hat, innere Unruhe, Einsamkeit oder Stress abzufangen, entsteht innerlich ein Konflikt. Ein Teil will verändern, ein anderer will schützen. Ähnlich beim Sport. Wenn Bewegung innerlich mit Druck oder alten Leistungserfahrungen verbunden ist, fühlt sich der Vorsatz für einen Teil wie ein Angriff an. Kein Wunder, dass Gegenbewegungen entstehen. Tiefe Veränderung beginnt deshalb oft nicht mit einem neuen Ziel, sondern mit dem Verstehen der alten Logik.
Mitunter liegt in Neujahrsvorsätzen auch ein stiller Vorwurf. "Ich bin nicht diszipliniert genug." "Nicht ruhig genug." "Nicht konsequent genug." Dieser innere Ton erzeugt Druck. Und Druck versetzt das Nervensystem in einen Alarmzustand. In diesem Zustand greift der Mensch automatisch auf alte, bewährte Muster zurück. Essen, Rückzug, Aufschieben, Kontrolle, Ablenkung. Genau jene Muster also, die man eigentlich verändern wollte.
Das Scheitern am Vorsatz bestätigt dann den alten Glaubenssatz, "mit mir stimmt etwas nicht". Die Selbstkritik verstärkt sich, der innere Druck steigt weiter, und das Nervensystem bleibt im Stressmodus. Ein Kreislauf, der viel Energie bindet und wenig Raum für echte Veränderung lässt.
Was wäre eine andere Perspektive?
Vielleicht braucht es weniger Vorsätze und mehr Verständnis. Weniger Ziele und mehr gute Fragen. Nicht die Frage, "was muss ich ändern?", sondern
- was versucht mein System gerade zu schützen?
- wo ist es überlastet?
- wo hält es etwas aufrecht, das viel Kraft kostet?
- welche innere Sicherheit fehlt, damit Veränderung überhaupt möglich wird?
Veränderung ist aus psychologischer Sicht kein Willensakt, sondern ein Beziehungsprozess. Beziehung zum eigenen Körper, zu inneren Anteilen, zu alten Erfahrungen. Dort, wo Druck weicht und Kontakt entsteht, kann sich etwas neu organisieren. Nicht abrupt, sondern schrittweise.
Ganz konkret kann das bedeuten, kleine Schritte zu wählen, die das Nervensystem nicht in Alarm versetzen. Zum Beispiel nicht, ich mache ab jetzt jeden Tag Sport, sondern, ich spüre einmal täglich bewusst in meinen Körper hinein und frage mich, was ihm heute gut tut. Nicht, "ich muss gelassener werden", sondern "ich bemerke, wann mein Nervensystem hochfährt und erlaube mir einen Moment der Regulation, einen tieferen Atemzug, Bodenkontakt, ein langsameres Tempo".
Hilfreich ist auch, den inneren Ton zu verändern. Statt Selbstkritik eine Haltung von Neugier. "Aha, hier wird es eng." "Aha, hier meldet sich etwas Altes." Das ist kein Rückschritt, sondern Information. Das Nervensystem lernt nicht durch Druck, sondern durch sichere Erfahrungen.
Vielleicht ist der Jahresanfang nicht der Moment für große Vorsätze, sondern für eine leise innere Ausrichtung. Für die Erlaubnis, langsamer zu werden. Für die Entscheidung, sich selbst besser zuzuhören. Veränderung darf sich sicher anfühlen. Und sie beginnt oft nicht mit einem neuen Ziel, sondern mit einem milderen Blick auf das, was bereits da ist.

