Klarheit vor herausfordernden Gesprächen - warum dein inneres Ziel so entscheidend ist
Veruschka Vollendorf
Mit welchem inneren Ziel gehst du eigentlich in ein Gespräch?
In schwierige Gespräche gehen wir oft mit einem Gefühl hinein, aber nicht mit Klarheit. Wir sagen, wir möchten etwas klären, wir möchten hören, wie der andere das sieht und wir wollen, dass es sich endlich wieder besser anfühlt. Und dann sitzen wir dort und merken nach einigen Minuten, dass wir wieder im gleichen Muster gelandet sind:
Wir erklären uns.
Wir rechtfertigen uns.
Wir ziehen uns zurück oder werden lauter als wir wollten.
Was dann am Ende natürlich frustrierend ist, denn wir sind mit einer guten Absicht in das Gespräch gegangen. Das bedeutet aber nicht, dass wir unfähig sind, sondern dass innerlich etwas unklar geblieben ist.
Unser Gehirn mag keine Unklarheit
Das menschliche Gehirn ist ein Vorhersageorgan. Es möchte wissen, worauf es hinausläuft. Wenn ein Gespräch kein klares inneres Ziel hat, entsteht unbewusst Spannung und das innere Alarmsystem bleibt leicht aktiviert. In diesem Zustand reagieren wir schneller aus alten Mustern, denn das Nervensystem greift am liebsten auf das zurück, was es kennt. Kämpfen, erklären, beschwichtigen, zurückziehen.
Nicht, weil wir es wollen, sondern weil unser System Sicherheit sucht.
Ein Gespräch ohne inneres Ziel fühlt sich also für das Gehirn an wie eine Reise ohne Richtung. Man fährt los und hofft, dass man irgendwo ankommt. Aber das erzeugt innere Unruhe anstatt Klarheit.
Was ist wirklich mein Ziel?
Wenn ich meine Klient*innen frage, "was ist dein Ziel für das Gespräch?", höre ich häufig Sätze wie:
- Ich möchte, dass wir das klären.
- Ich möchte, dass er versteht, wie es mir geht.
- Ich möchte, dass er/sie auch etwas für die Beziehung tut.
Das klingt nachvollziehbar. Und gleichzeitig ist es unscharf.
Ein echtes inneres Ziel ist konkreter. Denn es beschreibt etwas, das tatsächlich im eigenen Einflussbereich liegt.
Zum Beispiel:
- Ich möchte meine Sicht ruhig und klar aussprechen.
- Ich möchte bei mir bleiben, auch wenn es unangenehm wird.
- Ich möchte eine klare Grenze formulieren.
Spürst du den Unterschied?
Im ersten Fall hängt das Ergebnis von der Reaktion des anderen ab, im zweiten Fall hängt es von dir ab.
Die feine Grenze zwischen Ich-Ziel und Du-Ziel
Hier liegt der zweite wichtige Punkt.
Oft denken wir, wir hätten ein Ziel formuliert, in Wirklichkeit haben wir unbemerkt eines für unser Gegenüber gesetzt:
- Er soll Verantwortung übernehmen.
- Sie soll einsehen, dass sie mich verletzt hat.
- Er soll sich ändern.
Das sind sehr nachvollziehbare Wünsche. Sie entstehen meist aus Schmerz, aus Enttäuschung oder aus dem tiefen Bedürfnis, gesehen zu werden. Und gleichzeitig liegen sie nicht in deinem Einflussbereich.
Ein Entwicklungsziel für einen anderen Menschen kannst du nicht definieren! Und einen inneren Prozess kannst du nicht erzwingen.
Im Alltag zeigt sich das oft in Sätzen wie:
- Er muss doch verstehen, dass mich das verletzt.
- Sie muss doch endlich merken, was sie da tut.
- Er sollte doch von selbst darauf kommen.
- Sie müsste sich doch wenigstens entschuldigen.
- Er muss doch sehen, wie sehr ich mich bemühe.
- Sie darf doch nicht immer so reagieren.
Diese Sätze klingen zunächst wie Beschreibungen. In Wahrheit sind es verdeckte Steuerungsversuche. Sie enthalten ein implizites Ziel für das Gegenüber. Verstehen, einsehen, sich verändern oder anders reagieren.
Das Problem ist nicht der Wunsch. Das Problem ist die Verwechslung von Wunsch und Einfluss.
Hier berühren wir wieder das Thema Differenzierung. Differenzierung bedeutet, die Grenze und ggf. auch die Unterschiede zwischen mir und dir innerlich klar wahrzunehmen. Meine Gefühle sind meine, deine Reaktionen sind deine. Meine Klarheit gehört zu mir, deine Entwicklung gehört zu dir.
Wenn diese Grenze verschwimmt, entsteht innerer Druck. Und Druck erzeugt fast immer Widerstand.
Das gilt auf beiden Seiten. Dein Gegenüber spürt, wenn es nicht nur um Austausch geht, sondern um Veränderungsdruck. Gleichzeitig bleibt dein eigenes Nervensystem angespannt, weil es versucht, etwas zu kontrollieren, das nicht kontrollierbar ist.
Neuropsychologisch betrachtet aktiviert Kontrolle bei Unsicherheit unser Alarmsystem. Das Gehirn versucht, Sicherheit herzustellen, indem es Einfluss nimmt. Wenn dieser Einfluss ausbleibt, steigt die innere Spannung weiter. Es entsteht Grübeln, Ärger oder Rückzug. Das kostet enorm viel Energie.
Kurz gesagt:
- Ich darf mir wünschen, dass der andere sich bewegt.
- Ich darf hoffen, dass er/sie es versteht.
- Ich darf mir Einsicht, Verantwortung oder Nähe wünschen.
Aber mein Ziel für das Gespräch darf sich nur auf mich beziehen.
Zum Beispiel:
- Ich spreche aus, was mich verletzt hat, unabhängig davon, ob er es sofort versteht.
- Ich benenne meine Grenze, auch wenn sie unbequem ist.
- Ich bleibe ruhig, selbst wenn sie defensiv reagiert.
Das ist Differenzierung in der Praxis. Nicht Gleichgültigkeit und auch nicht Resignation, sondern eine klare innere Trennung von Verantwortung. Und paradoxerweise entsteht genau dort oft mehr echte Bewegung, weil der andere nicht mehr gedrängt wird, sondern frei reagieren kann.
Und genau hier wird es besonders spannend.
Denn in dem Moment, in dem unser Ziel nicht wirklich bei uns liegt, sondern heimlich vom Verhalten des anderen abhängt, kann innerlich etwas kippen. Vielleicht ganz leise, vielleicht auch deutlich spürbar. Unser System registriert: Das Ergebnis ist unsicher und Unsicherheit aktiviert alte Erfahrungen.
Warum wir so schnell in alte Muster rutschen
Wenn das Ziel unklar bleibt oder an die Reaktion des anderen gebunden ist, entsteht innerer Alarm. Nicht dramatisch, aber spürbar. Das Gehirn liebt Vorhersagbarkeit, aber wenn ich mein inneres Gleichgewicht davon abhängig mache, ob der andere versteht, einsieht oder sich verändert, dann begebe ich mich in einen Bereich, den ich nicht steuern kann.
Und genau dort greifen alte Beziehungserfahrungen:
- Vielleicht kennst du das Gefühl, kämpfen zu müssen, um gehört zu werden.
- Vielleicht taucht der Impuls auf, dich zurückzuziehen, sobald es emotional wird.
- Vielleicht beginnst du intensiver zu erklären, um endlich verstanden zu werden.
In solchen Momenten übernimmt oft ein früherer Anteil in dir. Der Teil, der gelernt hat, sich anzupassen, zu verteidigen, besonders klar zu argumentieren oder innerlich auszusteigen. Nicht weil du schwach bist, sondern weil dein Nervensystem auf vertraute Strategien zurückgreift.
Ein klares Ich Ziel wirkt an dieser wie eine innere Orientierungshilfe. Du sagst dir innerlich: Genau darum geht es mir heute. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Das bringt dich zurück in deine erwachsene Position und es trennt dein Anliegen von der Reaktion des anderen.
Und genau das beruhigt das Nervensystem. Es schafft Struktur, es reduziert die unbewusste Alarmbereitschaft. Dein System muss nicht mehr kämpfen, um Kontrolle herzustellen, sondern darf sich auf dein eigenes Verhalten konzentrieren.
Konkrete Schritte vor einem schwierigen Gespräch
Bevor du in ein wichtiges Gespräch gehst, nimm dir ein paar Minuten Zeit und frage dich:
- Was ist mein konkretes Ziel für dieses Gespräch?
- Was liegt vollständig in meinem Einflussbereich?
- Woran würde ich am Ende merken, dass ich meinem Ziel treu geblieben bin?
Formuliere dein Ziel als Ich-Satz. Nicht als Wunsch an den anderen, sondern als innere Haltung oder Handlung.
Beispiel:
- Ich bleibe bei meiner Grenze, auch wenn er/sie nicht sofort versteht.
- Ich spreche meine Enttäuschung aus, ohne mich zu rechtfertigen.
- Ich höre zu, ohne mich innerlich klein zu machen.
Und dann erlaube dir einen zweiten Schritt:
- Du darfst dir Nähe wünschen.
- Du darfst dir Einsicht wünschen.
Aber dein inneres Ziel bleibt bei dir.
Ein milder Blick auf dich selbst
Wenn Gespräche bisher immer wieder im gleichen Muster geendet sind, ist das kein persönliches Versagen. Es ist ein gelerntes System aus Schutz und Erfahrung. Dein Nervensystem wollte dich dadurch schützen und es wollte Sicherheit herstellen.
Jetzt lernst du etwas Neues. Du lernst, mit Klarheit in Beziehung zu gehen, nicht kontrollierend, nicht kämpfend, nicht resignierend, sondern differenziert.
Ein Gespräch ist kein Ort, an dem du den anderen verändern musst.
Es ist ein Ort, an dem du dich selbst klar vertreten darfst.
Und manchmal ist genau das die tiefste Form von Veränderung.

